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Andererseits
07/08/2019

Alltag ist nicht ein Tag im All

Darum trifft man sonntags so viele Jogger, die versuchen, ihrer Leere davonzulaufen.

Sonntag, das ist für gewöhnlich Familie, Spaziergang, im Sommer Ausflug, auswärts essen, Jause, mehr oder weniger wertvolle Gespräche, der Hund, die Kinder, die Kindeskinder, Sonntagsbraten und heute nicht mehr gültig: Sonntagsg’wand.

Sonntag aber auch: Zerwürfnisse, Attacken, je nach Entanimalisierungs-Stadium nicht nur verbal. Entzweiungen, Aufbrechen alter Wunden und Montagsschlagzeilen in entsprechenden tagesaktuellen Medien, wie: "Mann würgt Frau im Affekt bei Kuchen und Kaffee. Schwiegertochter kann das Schlimmste verhindern."

Sonntag ist das kleine Weihnachten.

Der Psychiater Viktor Frankl prägte den Begriff "Sonntagsneurose". Sie tritt ein, wenn die Menschen eine Depression befällt, da ihnen die Inhaltsleere ihres Lebens bewusst wird, weil am Sonntag die wochentägliche Betriebsamkeit ruht und das existenzielle Vakuum in ihnen aufbricht. Darum trifft man wahrscheinlich sonntags so viele Jogger, die versuchen, ihrer Leere davonzulaufen.

Am Montag beginnt der Zyklus neu. Wir fließen, getrieben von der Lächerlichkeit des Alltags, und viele seufzen ab Mittwoch: "Ach, wenn nur schon Sonntag wär!" Und am Sonntag seufzen sie dann verwundert und im Innersten resigniert: "Was? Schon wieder Sonntag? Kinder, wie die Zeit vergeht."

Immer wieder Sonntag ist ein Evergreen von Cindy und Bert, Traumpaar der deutschen Trivialmusik. Immer wieder Sonntag bringt Struktur in die fließende Vergänglichkeit, durch die wöchentliche Wiederkehr des Gleichen. Den Älteren unter uns ist sicher noch der unbezwingbare Schlager "Ein Schiff wird kommen ..." im Gedächtnis. Er wird in einem Film mit Jules Dassin und Melina Mercouri gesungen. Der Film heißt: "Sonntags nie!"

Der Kabarettist Joesi Prokopetz ist Autor dieser Kolumne.