Die Kabarettistin Nadja Maleh ist, alternierend mit Kollegen, regelmäßig Autorin dieser Kolumne

© Jeff Mangione

Andererseits
08/19/2019

Augen auf, ihr Smombies!

In Holland gibt es keine instagram-süchtigen Gazellen, die andauernd auf ihr Handy glotzen.

Wenn die Gazelle in der Serengeti andauernd auf ihr Handy glotzen würde, dann hätte sie kaum eine Chance den Löwen mitzubekommen, der sich langsam von hinten anschleicht, um sie zu fressen. Außer der Löwe glotzt auch den ganzen Tag auf sein Handy. Dann hätte man bald zwei magere Viecher. Zumindest, bis der Akku leer ist.

In Holland gibt es keine instagram-süchtigen Gazellen, die andauernd auf ihr Handy glotzen. Im Grunde genommen gibt es dort gar keine Gazellen, aber darum geht es jetzt nicht. In Holland gibt es einen kleinen Ort namens Bodegravens. Dort wurde 2017 ein Pilotprojekt gestartet: Fußgänger-Bodenampeln. Warum? Weil zu viele Menschen (die sogenannte „Generation Kopf-unten“) im Straßenverkehr runter aufs Handy schauen anstatt rauf auf die Ampel oder nach links und rechts auf die Fahrzeuge. Was unzählige Notbremsungen und Unfälle zur Folge hatte. Diese smartphoneguckenden Menschen („Smombies“ lautet der Fachausdruck) müssen also vor sich selber geschützt werden. Mit Bodenampeln. Nach Jahrtausenden der faszinierendsten Entwicklungen und Erfindungen wie Plattenspieler, Flugzeug oder mausförmiges Katzen-Zahnpflege-Gummi-Spielzeug sind wir also auf der Evolutionsstufe angelangt, wo vernunftbegabte Lebewesen in Gefahrensituationen knallrot blinkende Warnsignale nicht bemerken, weil sie grad woanders hinschauen, wo sie aber eh den ganzen Tag lang hinschauen.

Ist das nicht absurd? Gut, ich muss an dieser Stelle etwas beichten. Ich gebe es nur ungern zu, aber ich gebe es zu, dass ich letztens im Gehen während des aufs Handy-Glotzens am Gehsteig um ein Haar voll in einen Pfosten gelaufen wäre. Ich verstand plötzlich: Ah, daher leitet sich das österreichische Wort „Vollpfosten“ ab. Aber da hätten mir Smombie Bodenampeln auch nicht helfen können!

Die Kabarettistin Nadja Maleh ist, alternierend mit Kollegen, Autorin dieser Satirekolumne