Kabarettist Klaus Eckel

© Kurier / Juerg Christandl

Andererseits
05/27/2019

Jeder hat sein Ibiza

ch hoffe, sie verstehen meine Aufregung, als ich letzte Woche die Schlagzeile "Ibiza-Video aufgetaucht" las.

Im Juli 1994 ging ich im Sommerurlaub nach dem Duschen nackt auf den Balkon meines Zimmers, um eine Zigarette zu rauchen. Als ich wieder zurückwollte, bemerkte ich, dass ich mich ausgesperrt hatte.

Panisch seilte ich mich mit einer türkisen Wäscheleine vom Balkon ab. Mein Apartment lag im zweiten Stock. Überschaubares Risiko. In der Aufregung vergaß ich leider nur, dass sich unter meinem Apartment ein gut besuchtes Strand-Café befand. Das Gelächter der vielen Touristen erklingt heute noch in meinen Ohren. Eine Engländerin filmte mit.

Das Ganze geschah in Ibiza. Ich hoffe, sie verstehen meine Aufregung, als ich letzte Woche die Schlagzeile „Ibiza-Video aufgetaucht“ las.

Natürlich habe ich damals im Strand-Café keine Zeitungen, Bauaufträge oder Wasser angeboten. Nicht weil ich moralisch gefestigt bin, sondern weil man unbekleidet nur selten den Eindruck erweckt, dass man irgendetwas zu vergeben hätte. Im Gegensatz zu mir zog die FPÖ letzte Woche sofort Konsequenzen. Sie strich die Forderung nach flächendeckender Videoüberwachung aus ihrem Parteiprogramm.

Gleichzeitig feierten Menschen, die ständig vor dem Überwachungsstaat warnen und einmal im Jahr die Big-Brother-Awards vergeben, ein heimlich gefilmtes Video vor dem Bundeskanzleramt als Erfolg.

Die Welt ist voller Widersprüche.

Fliegenpracker

Wenn wir uns eine paranoide Gesellschaft wünschen, sollten wir wahrscheinlich noch mehr Kameras verstecken. Im Auspuffrohr von Dieselfahrzeugen, im Blusenknopfloch von Arbeitskolleginnen und unterm Verschluss von Red Bull Dosen. Im Silicon Valley wird bereits daran gearbeitet, Stubenfliegen zu filmenden Analogdrohnen umzubauen.

FPÖ-Politiker werden also in Zukunft Räume, in denen Oligarchen-Nichten sitzen, nur noch mit einem Fliegenpracker betreten.

Und irgendwann wird beim österreichischen Wappen der Bundesadler durch den Lockvogel ersetzt.

Der Kabarettist Klaus Eckel ist, alternierend mit Kollegen, regelmäßig Autor dieser Kolumne.