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Andererseits
03/15/2020

My Schmäh

Der Kabarettist Joesi Prokopetz über Wiener Besonderheiten.

Über Schmäh im Allgemeinen und den Wiener Schmäh im Besonderen wurde und wird opulent diskutiert, werden mehr oder weniger kühne Hypothesen aufgestellt, schlussendlich aber immer resigniert, wenn es um eine verbindliche Definition geht. In Ermangelung eines beispielsweise Eisenstädter- Klagenfurter- Salzburger-...etc...Schmähs, lohnt es sich nur, den Wiener Schmäh zum x-ten Male zu ventilieren.

In Schmäh steckt ja „schmähen“. Der Wiener Schmäh schmäht amikal, ja liebevoll und ist generell pointierter Dialog, immer mit einer Prise Bosheit versehen. Dieses ist – grundsätzlich – auch z. B. in Helsinki möglich, kann aber naturgemäß von mir nur in Wien nachvollzogen werden. Am besten arbeitet man sich im gegebenen Rahmen an Beispielen ab:

Ort: Kaffeehaus (Stammtisch)

Gast A: (blickt resigniert in die seit Äonen gleiche Speisekarte) „In der Speis´karten steht immer dasselbe!“

Gast B: „Lass’ dir die englische bringen.“

Oder:

Gast C, ein bekennender Etablissement-Besucher, zeigt soeben gekaufte kostspielige Sportschuhe vor.

Gast D: „Was brauchst du fürs Laufhaus so teure Turnschuh?“

Oder:

Die Damen am Stammtisch schildern ihre Probleme mit trockener Haut und besprechen die unterschiedlichsten Ursachen dafür.

Gast E: „Der Hauptgrund für trockene Haut sind Handtücher.“

Sind diese verbalen Hinterlistigkeiten auch anderswo möglich oder muss man a echta Weana sein, um diese Kleinkunst der gewürzten Gesprächsführung zu beherrschen? Und vor allem, was ist a echta Weana? Er muss mindestens 50+ sein, ungeduldig, notorisch missmutig, pessimistisch, borniert und streckenweise intolerant. Und er darf niemals in esoterischer Verzückung den Satz gesagt haben: „Jede Zelle meines Körpers ist glücklich.“