© Moritz schell

Andererseits
04/05/2019

Warum Städte (noch) keine Parfümerien sind

Als ich das erste Mal "we graz you very much" lesen musste, war ich gewillt, mein Auto gezielt in der Mittelleitplanke zu versenken. Paul Pizzera für kuriermitschlag.at

Dass in einem Land wie Österreich, in dem die Tourismus- und Freizeitwirtschaft Jahr für Jahr stolze sechzehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, eben selbige gut beworben werden will, dürfte sogar dem reisepasslosesten Balkonienurlauber recht plausibel erscheinen.

Da Emotionen und das Unbewusste zu rund neunzig Prozent den Ausschlag dafür geben, welches Reiseziel man wählt, liegt es nahe, dass sich die Tourismusindustrie auch der Strategien des Neuromarketings bedient. Jenes hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kommunikationsstrategien mit Erkenntnissen der Gehirnforschung zusammenzulöten, um dann "sommer summarum" (Achtung: Wortwitz) Slogans wie "Wien – Jetzt. Für immer." auf Tafeln an Flughäfen sowie Stadteinfahrten zu pressen.

Dass unsere Hauptstadt ohne Zweifel ein „Must-see“ ist, liegt auf der Hand, aber dass es mit diesem semantischen Geistesblitz gleich zu einem „Must-stay“ avanciert, ist definitiv zu viel des Guten. Ob die schwedische Hauptstadt mit "Lust auf das Stockholm-Syndrom?" wirbt, bleibt genau so offen wie die Frage, was genau verdammt noch mal seit Anfang der 70er-Jahre in Linz beginnt und überdies noch viel wichtiger, wann es endlich beendet ist?!

Als ich das erste Mal "we graz you very much" lesen musste, war ich gewillt, mein Auto gezielt in der Mittelleitplanke zu versenken, wenn nicht zu viele andere Verkehrsteilnehmer davon in Mitleidenschaft gezogen worden wären und das Wortspiel "Gmunden – seenswert & stilvoll" muss man sich wirklich TRAUN. Weitere Vorschläge meinerseits wären "St. Pölten – söwa schuid", dicht gefolgt von "Wörgl : kumm her, wennst di traust" und "Gleisdorf – eh".

Dass Städte nun mal keine Parfümerien sind, in die man "in comet, um outzufinden", hat einen guten Grund, und vielleicht sollte sich jeder und jede selbst seinen persönlichen Slogan zum präferierten Reiseziel machen und nicht die mittelschwertätowierten Werbetexter, die ohnehin jedes Jahr nur nach Bali reisen, um dort die Mond-instanis zu genießen. Bali hätte im Übrigen folgenden Slogan: "wie Lignano, nur am longboard".

Der Kabarettist Paul Pizzera ist, alternierend mit Kollegen, ab sofort regelmäßig Autor dieser Kolumne.