© Jeff Mangione

Paaradox
08/11/2019

Hitzewelle? Eiszeit!

Welche fatalen Auswirkungen die Buchstaben L und O auf das Dasein haben, und wie im Auto Seite an Seite die Regulierungsneurosen gelebt werden.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

L wie lästig, O wie oha: Zwei Buchstaben, ein Dramolett. Sie ergeben den Begriff  „LO“. Und der ist: heikel bis wolkig. Er ist immer da, wenn der Mann nebenan ins Auto steigt und die Elektronik anwirft. Da leuchten sie auf, diese zwei „LO“. Links eines und rechts eines, auf der Beifahrerseite. Als Symbol für eisige Kälte mitten im Sommer sät das Duo Zwietracht und sorgt für Klimakrisen: Es steht nämlich für eine  Fahrzeuginnentemperatur von maximal 15,0 Grad. So mag er das, während  eine steife Brise Nordwind  sich in meinen Knochen verfängt, bis sie schmerzen.

Der Eisvogel

Stimmt, das hatten wir schon – ich rege mich aber immer noch auf: Hier ist es wie in einer Gruft, nur mit dem Unterschied, dass wir leben – noch. Die Mimik des Eisvogels nebenan erstarrt. Unverständnis: Draußen hat es 34 Grad, du willst hoffentlich nicht, dass ich mit dem Lenkrad zu einer Skulptur verschmelze, über die dramatisch in der Zeitung berichtet wird, oder? Dann weiht er mich in das Geheimnis seiner Klimaanlage ein und zeigt mir, dass das Beifahrer-LO individuell regulierbar sei, heißt: Du kannst deine Seite auf 18 Grad raufregulieren,  aber bitte nicht wärmer, sonst komme ich um.

In Folge muss ich mir die 323 km Richtung Süden depperte Witze anhören – über Menschen, die im Auto Angorasocken tragen und um eine kleine Pause bitten. Nicht, um Lulu zu gehen, sondern um sich aufzuwärmen. „Liebschaften, die mit der Hitze eines Feuers beginnen, enden oft in Eiseskälte“: Wie recht er doch hatte, der Seneca, denke ich mir einen Tag nach  unserer Ankunft, lese, und sehe den Regentropfen zu, wie sie in den See plumpsen. Warum habe ich Trottel keinen dicken Pulli mit?, höre ich ihn wehklagen. Doch mein Mitgefühl ist  immer noch so eingefroren,  dass mir nichts einfällt außer ein läppisches Woswaßi..

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11., Rabenhoftheater; 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10., Burg Perchtoldsdorf

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ER

L wie lustvoll, O wie ohja, so muss es natürlich heißen. Ich brauche das „LO“ wie die Luft zum Atmen. Immer und überall, in meinem Leben kann es von früh bis spät gar nicht genug „LO“ geben. Für einen Mann, zu dem die Hitze so gut passt wie ein Turbopunsch zur Sommerparty, ist „LO“ mehr als nur ein Anker im Hafen des Alltagsglücks. Und während gnä Kuhn bei Temperaturen jenseits der 30 Grad frohlockend durchs Land spaziert und es für einen Akt weiblicher Rebellion hält, im Bett keine Socken zu tragen, leide ich. Daher stelle ich mich in Ermangelung eines Hochgebirgssees auf der Terrasse unter die Gartendusche. Die nämlich hat die Funktion eines wunderbar feinen Sprühnebels, der in zehn Sekunden Gänsehaut-Effekte erzeugt, für länger anhaltende Kühlung sorgt und mich  dazu verleitet, splitternackt zu tanzen und laut zu tirilieren: „Und ich werd’ kalt und immer kälter ...“ Die Liebste sagt dann gerne Sachen wie Du spinnst oder Geh’ bitte, wenn dich wer sieht, holt er fix die Polizei, aber das ist mir blunz’n.

Frau Heißsporn

Also gehen meine Frau und die Schwitzfigur an ihrer Seite in extremen Zeiten wie diesen eben öfter getrennte Wege. Sie macht etwa mit Vorliebe in der Morgensonne Yoga, während ich starr im Keller sitze und das Max-Goldt-Hörbuch „Nicht jede kalte Säge schafft es nach New York“ höre. Problematisch wird es nur auf gemeinsamen Autofahrten. Da habe ich die Gartendusche nicht mit, weshalb „LO“ die einzige Möglichkeit ist, nicht mit hochrotem Kopf und völlig verklebt am Ziel anzukommen.

Doch neben mir sitzt Frau Heißsporn mit dem eingefrorenen Gesicht der Anklage und sagt  in ihrer Kälte-Hysterie: Du mit deiner Hitze-Hysterie! Dann schenke ich ihr als Kavalier ein paar Grade und summe vor mich hin: „Ich möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar. Dann müsste ich nicht mehr schreien, alles wär’ so klar ...“ Prompt entdecke ich bei ihr ein Lächeln. Und das ... wärmt mein Herz.

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