© Jeff Mangione

Paaradox
09/15/2019

Paaradox: Am S(tr)and

Das mit den Urlaubsgefühlen ist so eine Sache. Denn mitunter handelt es sich dabei vor allem um Beobachtungen sonderbarer Eigenheiten.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Es heißt, Rituale geben Sicherheit in Phasen der Unsicherheit. Womit sich die Frage stellt: Wie unsicher ist der Mann nebenan wirklich? Noch dazu im Urlaub, immer, wenn Strand und Sand im Spiel sind. Dem Ritual habe ich heimlich einen Namen gegeben: Unternehmen Sandfloh. Es geht so: Er betritt den Strand. Gang zur Liege. Badetuch ausschütteln, auflegen, draufsetzen. Flipflops aus, Flipflops ausschütteln, Flipflops im Schatten platzieren, ist ein Sandkorn in den Flipflops, Flipflops nochmals ausschütteln und nochmals platzieren. Füße abputzen, händisch, akribisch, neurotisch. Hinlegen. Ist auch nur ein einziges Sandkorn sichtbar, nochmaliges Aufsetzen und Füße abputzen, händisch, akribisch, neurotisch.

Setzen, putzen, hinlegen

Blick gen Himmel. Aufstehen, Sonnenschirm so drehen, dass er komplett im Schatten liegt. Hinsetzen, Füße abputzen, etcetera, etcetera. Doch holla: Die kleine Zehe liegt in der Sonne, also: aufstehen, Schirm einrichten, setzen, putzen, hinlegen. Ein erster Entspannungsversuch, da fällt ihm ein, dass der Mensch ja auch im Schatten bräunt, womit die Frage verbunden ist: Kannst du mich bitte einschmieren? In der Tasche kramen. Sonnencremetube von Sand befreien. Hände von Sand befreien, Badetuch vom Sand befreien, der von Händen und Tube kommt. Aufsetzen, mir die Tube in die Hand drücken, von mir einschmieren lassen. Hinlegen, aber vorher alles noch entsandeln. Seufzen. Buch aus der Tasche nehmen. Buch ausschütteln wegen möglicher Sandkornkontaminierung. Lesen, aber nur kurz. Denn etwas Sand wurde vom Winde verweht, und zwar exakt um den Hufnagl’schen Bauchnabel. Nesteln, putzen, seufzen, fluchen. Oh ja: Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung (Laurence Sterne).

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11., Rabenhoftheater; 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10., Burg Perchtoldsdorf. Alle Termine hier.

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ER

Ja, ich liebe es, als überzeugter Schattenmann am Meer zu liegen, zu lesen und in die Ferne zu blicken, ohne dabei vom Rieseln, Reiben und Knirschen des Sandes gestört zu werden. Dennoch ist die kuhn’sche Diagnose („Hysterisches Theater“) übertrieben. Richtig unruhig werde  ich nämlich nur, wenn meine Frau den Fluten entsteigt, lächelnd auf mich zuspaziert und sich dann seelenruhig – und aus reiner Boshaftigkeit – in den Sand legt. Nass! Ohne Handtuch! Oh ja, allein der Anblick dieser Verschnitzelung  jagt mir bei 38 Grad Außentemperatur Schauer über den Rücken.

"Magst mitgehen?"

Dieses Gruselbeispiel für Sonnenbaden ist am Ende aber nur der kleinste aller Störfaktoren. Viel dramatischer ist ihre Rastlosigkeit. Die sich in zwei Kategorien einteilen lässt. 1. Extremes Mitteilungsbedürfnis. Meine Frau verfügt über den Hang (bzw. Zwang) zu jenen Infos, die meinen Horizont nahezu null  erweitern. Von Ich ziehe mir einen anderen Badeanzug an über Ich überlege, ob ich mir ein Eis holen soll bis Ich lese gerade einen Text über das Phänomen Tofu bleibt mir (leider) nix verborgen. Und das ist fast so anstrengend wie 2. Extremer Aktionsradius. Gaby liegt und liest, Gaby sitzt und schaut, Gaby steht und turnt. Gaby geht zur Beach-Bar auf ein Glas Rosé („Magst mitgehen?“), Gaby kehrt zurück („So schön, das Sitzen da.“). Gaby macht einen Strandspaziergang („Magst  mitgehen?“), Gaby kehrt zurück („So schön, das Spazieren da.“).  Gaby geht ins Wasser („Magst mitgehen?“), Gaby kehrt zurück („So schön, das Schwimmen da“). Gaby will Möwen hören, Sonnenuntergänge sehen, Urlaubsgefühle spüren. Eh gut.  Das Problem ist nur, sie will alles das nie dann, sondern immer jetzt. Und macht ein Schnoferl, wenn ich sage: „Sorry Schatz, aber ich muss jetzt eine Sandburg bauen.“  

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 24. 10. Wien (Alt Erlaa), 12. 11. Wien (Martinschlössl), 20. 11. Wien (Haus des Meeres).

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