© Jeff Mangione

Paaradox
10/06/2019

Paaradox: Bummel-Bammel

Das Problem mit dem Schritthalten: Wenn sie als Urlauberin durch die Stadt spaziert, kann es sein, dass er verloren geht.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Sie

Sagen Sie zwei typische Sätze aus dem Genre „Familienurlaub mit dem Mann nebenan“. Gerne, Satz 1 wäre der da: Bitte wo ist der Papa? Satz zwo dann so: Der Papa ist schon wieder weg. Nein, es ist nicht so, dass la Tochter und ich dabei in emotionale Aufruhr geraten, weil wir fürchten, dass wir den Mann nebenan bei der Fundstelle für verlorene Väter aufklauben müssten. Wir sind’s nämlich längst gewöhnt, dass er beim Bummeln verschwindet, weil: Es gibt ja so viel zu sehen und Besseres zu tun, als brav bei Fuß zu gehen.

Durch diese Gasse muss er gehen

Also biegt er bei der Stadtbesichtigung spontan ab, in diese tolle Gasse, wo er von dieser „unglaublichen“ Holztür 500 Fotos knipst, um sie sofort per Handy ins Universum zu schicken: Huhu, ist das nicht eine tolle Tür? Und während die Tochter und ich herumschlendern, verliert er sich im nächsten Gasserl, fotografiert, träumt und checkt im Handy alle verfügbaren Fußballergebnisse. Gerne macht er auch bei Zeitungskiosken Halt, um die Schlagzeilen der örtlichen Sportgazetten von der Landessprache per Google-Translator ins Deutsche zu übersetzen. Das kann dauern, da kann man sich schon einmal ein bisserl verlieren. Irgendwann ereilt uns dann der Anruf: Bitte wo seid’s Ihr eigentlich? Besonders oft geht er verloren, wenn die Tochter und ich angesichts des einen oder anderen Ladens in kaufrauschähnliche Verzückung geraten. Dann versteckt er sich diskret im Schatten eines Hauseingangs und tut als wäre er damit beschäftigt, die Welt zu retten. Nur, um ja nicht die ganz arge Frage gestellt zu bekommen: Und? Wie gefallen dir diese Ohrringe? Dann lass ich ihn stehen, hake mich bei der Tochter ein, und erteile ihr folgende Lebenslektion: Ja, auch dein Vater ist, wie jeder Mann, ein Manuskript, das erst korrigiert werden muss.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 26. 10. & 11. 11. im Rabenhof; 11. 10. Burg Perchtoldsdorf; 12. 10. Tischlerei Melk; 18. 10. Großrussbach

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Er

Und wieder  einmal hat gnä Kuhn Ursache und Wirkung verwechselt. Was war zuerst? Ihr Schleichschritt oder mein Abzweigen? Mitunter schicke ich dem Universum tatsächlich den sehnlichen Wunsch, das Leben nur ein einziges Mal mit den Augen meiner Frau sehen zu dürfen. Um das Ausmaß ihrer schiefen Optik erkennen und begreifen zu können. Leider zuckt das Universum fast boshaft nur mit den Schultern und gibt mir zu verstehen: Nimm’ es, wie es ist und schreib’ halt einfach eine Kolumne darüber! In diesem Sinne: Ja, ich verlasse im gemeinsamen Urlaub gelegentlich die familiären Trampelpfade, um mich in einer Welt zu verlieren, die mir Alternativen bietet. Zu Wollen wir ins Geschäft reingehen und ein bisserl schauen? Oder Meinst, sollen wir der Tante Ilse so ein Keramikschüsserl mitbringen? Oder: Sag’ ehrlich, bin ich zu alt für diese Hose?

Das gleiche Klumpert

Also flüchte ich. Oder lass’ mich zurückfallen. Oder verlaufe mich absichtlich. Je nach Gemütslage. Denn ein Stadtrundgang, wie Frau und Tochter ihn definieren, unterscheidet sich wesentlich von meinem. Ich will mir kein Hemd kaufen, nur um sagen zu können, es sei aus einem anderen Land. Ich will nicht über einen Flohmarkt flanieren, wo ohnehin das gleiche Klumpert herumkugelt wie daheim. Ich will nicht vor Fraufens … pardon … Schaufenstern verharren, in der Hoffnung auf touristische Entzückung („Jö schau’, der kleine Torero aus Ton, so herzig!“). Aber wehe, ich formuliere das alles in dieser Deutlichkeit – dann herrscht sofort akuter Schnoferl-Alarm. Und so geschah es, dass ich Frau und Tochter plötzlich im Gassengewirr aus den Augen verlor. Ich setzte mich jedoch nicht erlöst ins Sport-Café, sondern entschloss mich zu einem leidenschaftlichen Herzdamen-Bummel. Weil, verdammt, die brauchen mich doch!


Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 12. 11. Wien (Martinschlössl), 20. 11. Wien (Haus des Meeres), 9. 12. Wien (Studio Akzent)

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