Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl

© Jeff Mangione

Paaradox
02/09/2020

Paaradox: Ehe-Dialektik

Im Streit-Fall greift jeder auf das zurück, was er am besten kann. Sie schimpft, er schweigt – am Ende ist trotzdem alles „dulli“.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

SieAch, immer diese asiatischen Weisheiten. Fast jeden Tag tröpfelt mir eine ins Leben, wie die Sojasauce zur Frühlingsrolle. Erst gestern, auf dem Klo einer Freundin, wo stand: In der Ehe ist Verstehen manches Mal wichtiger als Liebe. Was mich wunderte, die Gute ist seit Jahren geschieden. Wurscht, dachte ich,  nahm aber den Satz gedanklich mit ins Bett, wo ich vor dem Einschlafen darüber sinnierte, wie das bei uns so ist, mit dem Verstehen. Eh fein. Aber natürlich haben auch wir mitunter Kommunikationsprobleme mit Drall zur Eskalation. Was uns  unterscheidet, ist die Art und Weise, Missmut auszudrücken.

Wos is?

Während ich mein Inneres vulkanartig in die Atmosphäre schleudere, bevorzugt der Mann nebenan eine Auszeit im wohltemperierten Schneckenhäuschen, bei Schoko, Snips und einer reichhaltigen Auswahl an Sportkanälen. Ich frag dann gerne: Was is jetzt? Er sagt  meist: Nix is, was soll sein? Dabei folgt er dem 3-Affen-Prinzip: Nix sehen, nix hören, nix sagen. Bedauere, nicht! mit! mir! Ich  lebe  die Alles muss raus-Strategie. Und das, was raus muss, ist selten lieblich. Als geborene Ottakringerin greife ich auf Wortschätze aus dem Genre „Wiener Wut“ zurück. Ich sag’ dann sowas wie: Geh bitte, du Vollkoffer, geh’  ma net am Wecka! Oder: Weißt was? Moch an Servas!  Paartherapeuten würden sich an dieser Stelle die Haare  raufen und irgendwas von Wertschätzung murmeln –  so doch nicht! Bei uns, bitteschön, schon – nicht nur, weil wir einander am Ende doch irgendwie verstehen (heute heißt das meist: „Wir holen einander ab“), sondern weil er irgendwann  aus dem Schweige-Retreat auftaucht und  ein liebevolles Geh pudel di net immer so auf, du Herzerl in die Runde schmeißt. Damit ist für den Moment alles gesagt – und, so komisch das klingen mag: auf  unsere sehr spezielle Weise auch alles wieder gut.   

Unser Kabarett: 23. 2., 9. 5., Rabenhof; 27. 3. Mödling, 28. 3. Langenlois

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ER

Von Pythagoras ist der Satz überliefert: „Man soll schweigen oder Dinge sagen, die noch besser sind als das Schweigen.“ Und weil ich mit der Weisheit des erfahrenen Ehemannes gesegnet bin, habe ich gelernt, dass es ab einer gewissen Eskalationsstufe keinen Satz mehr gibt, der richtig verstanden, richtig eingeordnet, richtig verarbeitet wird. Im Gegenteil. Alles, was ich sage, kann und wird gegen mich verwendet. Also betrachte ich den gepflegten Rückzug ins hufnagl’sche Schneckenhäuschen, wo in solchen Situationen sogar die Live-Übertragungen von Hallen-Halma mein Herz wärmen würde, meistens für die beste Strategie. Das ist zwar keine Lösung. Aber ich gewinne Zeit.

Ignorant und Wahnsinniger?

Der Haken: Madame Zizibe dreht mit Vorliebe Pirouetten im Auge des Taifuns. Sie denkt, dass kein Blutdruck so hoch sein kann, um nicht trotzdem endgültige Wahrheiten aus dem Ärmel zu schütteln. Und zwar sofort. Ich versuche ihr zwar mit der vorgetäuschten Gelassenheit einer altersschwachen Schildkröte zu erklären, dass Diskussionsbeiträge wie „Du bist der Ignorant und der Wahnsinnige in einer Person“ oder „Hör dir doch einmal selbst zu, du Schlumpf“ nicht die besten Schritte sind, um Friedensverhandlungen einzuleiten. Aber daran mag sie partout nicht glauben. Also lockt sie mich durch Sticheleien aus der Reserve. Die Knöpfe, die sie dabei drücken muss, kennt sie besser als jedes Haferbrei-Rezept. Aber kaum sage ich „So, jetzt pass’ einmal auf, Frau G’scheit“, ist es auch wieder nicht recht. Weil „Belehrungen kannst du dir echt sparen“. Aus dieser Spirale zu entkommen, fällt uns beiden nicht leicht. Und doch gelingt es seit über zwanzig Jahren. Weil Madame Zizibe und Schlumpf sich dann doch auf ihre Versöhnlichkeit verlassen können.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 13. 3. Bad Fischau (Schloss), 17. 3. Wien (Café Schopenhauer) 

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