© Jeff Mangione

Paaradox
08/18/2019

Paaradox: Ein Paket für Sie!

Draußen vor der Tür. Oder: Wenn der Postmann zehn Mal klingelt. So ein Leben voller Übernahmen kann durchaus tückisch sein.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Dieses nervöse Zucken um den Mundwinkel, immer wenn es unerwartet an der Tür läutet. Hoch fährt das Adrenalinsystem des Mannes nebenan, sein gesamter  Muskelapparat signalisiert: Ich muss schnell weg! Oder dem Boten, der draußen mit einem „Paket für Familie Hufnagl“ steht, zuflüstern, hier wohnt niemand mit dem Namen Hufnagl, hier gibt es nichts  abzugeben.  Meist ruft er dann: Wer ist das? Müssen wir unbedingt aufmachen? Doch da eile ich  bereits freudig erregt dahin, zeichne die Übernahme des Poststücks und bade in diesem Jö-ein-Packerl-für-mich-Effekt.

Was bitte ist das?

Stimmt, unlängst war das Ding sehr groß. Zu groß für ihn, um dem  ins Vorzimmer gehievten Riesenkarton noch  entspannt zu begegnen. Drei Fragen standen unausgesprochen in seinen Augen: Wieso? Wozu? Wie viel?  Ich antwortete, bevor er reden konnte: Das sind die neuen Teller aus der Südfrankreich-Kollektion der Firma XY, 50  Prozent billiger! Sie passen ursuper zu dem vergünstigten Tischtuch aus der Mykonos-Reihe, das du vergangene Woche  für mich von der Paketübernahmestelle geholt hast. Bevor er lange reflektieren konnte oder sagen, wie sehr er das Wort Paketübernahmestelle hasst, hatte ich ihn auch schon zum Auspacken und Auswickeln beordert. Wir stapelten Teller in allen möglichen Größen auf dem Wohnzimmertisch. Er, irgendwie erstarrt, ich glücklich und von sommerlicher Leichtigkeit. Irgendwann hörte ich ihn sagen: Das hamma wieder braucht!  „Ahnungsloser“, dachte ich und verwies auf vergangene Woche, als ihm sein Paketengel dieses unverzichtbare Golf-Accessoire überbrachte, von dem ich dachte, wir hätten eh schon vier davon, doch als ich nachzählte, waren es sechs. Wie heißt es so schön? Eine Gelegenheit, den Mund zu halten, sollte man nie vorübergehen lassen.  

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11., Rabenhoftheater; 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10., Burg Perchtoldsdorf

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ER

Wer sein Schreibbüro im eigenen Domizil eingerichtet hat, sollte an der Volkshochschule unbedingt die Kurse „Das große 1 x 1 der Konzentration“ oder „Ooooom für Quereinsteiger“ absolvieren. Die sind nämlich absolut erforderlich für den häufig eintretenden Fall kuhn’scher Intervention getreu dem Credo Du bist ja eh daheim. Da kann’s schon vorkommen, dass man das Textedichten für  zwei Stunden ruhen lassen muss, weil die Liebste in der Ferne eine Sehnsucht nach ihrem Staatsbürgerschaftsnachweis entwickelt, für die Suche jedoch nicht mehr  Informationen übermittelt als Der muss in einem der Ordner im Vorzimmer oder im Arbeitszimmer oder im Keller sein.

In Deckung!

Darüber hinaus haben auch Briefträger und Postboten längst erkannt, dass in Haus 1, Tür   1 ein Übernahme-König (im Volksmund Edeldodel genannt) residiert. Dem sie zu fast jeder Zeit die Packerln des halben Bezirks zum Zweck der Zwischendeponierung in die Hand drücken können. Es ist bewiesen, dass 99 der 100 von mir entgegengenommenen Poststücke nicht für mich sind. Und dass mit meinem Trinkgeld  locker ein Annahme-Palast errichtet werden könnte. Da mag es mitunter vorkommen, dass ich beim fünften Türklingeln des Tages zart genervt in Deckung gehe. Was ich aber ohnehin bald bereue. Spätestens, wenn mich der Wunsch von Frau oder Tochter ereilt, ich möge doch bitte zu einer dieser als Geschäfte getarnten Poststapeladressen ausrücken. Dort stehe ich dann z. B. minutenlang in einem Raum für Strohkorb-Bastelbedarf und hoffe innigst, dass der Bastelbedarfsverkäufer das richtige Paket herausfischt. Denn es kam schon einmal vor, dass gnä Kuhn mir schnoferlreich offenbarte, dass ich das falsche Dings erobert hätte. Und ich in meinem Zorn erstmals begriff, warum es Postwurfsendung heißt.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 24. 10. Wien (Alt Erlaa), 12. 11. Wien (Martinschlössl), 20. 11. Wien (Haus des Meeres)

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