© Kurier/Jeff Mangione

Paaradox
07/14/2019

Paaradox: Ein Sommermärchen

Der Urlaub, der See und die Bilder der Idylle – wäre da nicht diese Lautstärke und das Handy als Botschafter der Zwietracht.

SIE

Himmel, Sonne und Wolken spiegeln sich im See, der Hund planscht im Wasser. Baba, Sorgen. Ich bin entzückt. Der Mann nebenan sieht  nichts davon, er schaut nämlich im Handy, wie das Wetter ist („leicht bewölkt“) und wie viele Kilometer Hunde mit Schwimmhäuten zwischen den Pfoten im Wasser zurücklegen können. Danach werden Sportergebnisse studiert. Tennis. Golf. Vielleicht Skispringen, was weiß ich. Alles wie eh immer, also. Doch statt resigniert in der Urlaubslektüre zu blättern, formiert sich in mir ein Gedanke: Das muss anders werden. Jetzt. Sofort.

Laut. Und immer lauter

Ich stehe auf, nehme ihm das Telefon weg, ihn an der Hand und zerre ihn zum beziehungsfördernden Spazierwandern. Entrüstung seinerseits: Was soll das jetzt bitte? Das ist auch mein Urlaub! Ich darauf: Aber du tust im Urlaub eh immer nur das, was du daheim auch tust. Ununterbrochen ins Handy starren. Dass das bei ihm keinen akuten Aha-Effekt auslöst, merke ich  sieben steile Kilometer und eine atemlose Diskussion lang. Wir sind laut, werden mit jedem Schritt lauter. Da kommt plötzlich – wie aus dem Nichts – ein sehr altes Ehepaar auf uns zu. Hand in Hand, schweigend, lächelnd, zufrieden. Der Mann mit Glatze sagt: Sie sind aber sehr laut. Die grauhaarige Dame sagt: Hören Sie doch, wie ruhig hier alles ist. Das hilft. Und plötzlich schweigen wir,  drehen uns um. Das Paar ist futsch, als wäre es nie da gewesen. Der Mann nebenan sagt: Hm, wir waren  schon  laut. Warum eigentlich?  Ich sage: Stimmt, aber ist ja egal.  Eine halbe Stunde später sitzen wir auf einer Bank am Rande eines kleinen Sees mitten im Wald und schauen den Fröschen zu, wie sie sich am Ufer sonnen. Ui, ich hab’ kein Handy mit, sagt er – und grinst.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 14. 7., Summerstage; 30. 9., 26. 10. und 11. 11., Rabenhof; 3. 10. Bettfedernfabrik.

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ER

Es ist früh am Morgen. Ich stehe am Steg, blicke auf den prachtvollen See, atme die Stille ein und denke mir: Das Leben ist ein Geschenk. Dann springe ich ins Wasser und genieße mit jedem Schwimmzug das besondere Gefühl von Einsamkeit und Freiheit. Ich lasse mich auf dem Rücken treiben, suche vergeblich nach einem Wölkchen am Himmel und spüre, wie sich die Denkmotoren im Hirn von selbst abschalten. Wieder zurück am Steg, hole ich mir einen Kaffee, setze mich auf ein Bankerl und schaue meinen Zehen beim Wackeln zu. Zeit ist keine Kategorie. Ich lasse die Momentaufnahmen des Sommers langsam an mir vorbeiziehen, und es ist niemand da, der fragt: „Hast du eh eine Küchenrolle gekauft?“

Vier Botschaften

Aber irgendwann meldet sich plötzlich das Smartphone. Eine Nachricht trifft ein. Ich ignoriere das Signal. Auch ein zweites, ein drittes Mal. Ehe ich beim vierten Ping dann doch der Routine folge und zum Handy greife. Botschaft eins ist von meiner Frau: Duhu, wo bist du? Botschaft zwei ist von meiner Frau: Bin wach, warum gehst du ohne mich in den See? Botschaft drei ist von meiner Frau: Musst auch nicht antworten, Liebe ist eh total überbewertet. Botschaft vier ist von meiner Frau. Es ist ein Link mit der Geschichte „Die 10 verrücktesten Scheidungsgründe“. Ich beginne zu lesen und gehe die Liste Punkt für Punkt durch. Als ich bei Nummer 8 bin („Vom Geschirrspüler zum Richter“), spüre ich eine starke Hand auf meiner Schulter. Es ist gnä Kuhn, die vor mir steht, den Kopf schüttelt und anklagend sagt: „Jetzt schaust du schon wieder in dieses depperte Ding!“ Ich überlege kurz, ob ich der Liebsten einen monumentalen Vortrag  über die Zerstörung von Idylle halten soll, lasse mich aber der Seelenruhe Willen lieber zum Waldwandern animieren. Bald darauf sitzen wir auf einem Bankerl am Seeufer, als es plötzlich „Ping“ macht. Ich sage „Ui, ich hab’ kein Handy mit“ und grinse. Es war ihres.

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