© Jeff Mangione

Paaradox
12/01/2019

Paaradox: Fragwürdig

Zu den ganz großen Wahrheiten des Lebens vorzudringen, ist auch in der Ehe eine Herausforderung, die niemals endet.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Oft frage ich mich, was ein Leben ohne Fragen wäre. Ich stelle gerne Fragen, weil ich finde, dass man damit nie aufhören sollte. Der Mann nebenan zweifelt ein wenig an dieser These,  hat sich aber daran genauso gewöhnt wie ich an die Tatsache, dass es ihm nie einfallen würde, leere Klorollen in den Papiermist zu schmeißen. Ich bin mir sicher: Würde ich das nicht erledigen, gäbe es auf unserem WC eine gigantische Klorollen-Installation bis  zum Plafond – mehr noch: Möglicherweise würden wir in diesem Klorollen-Archiv gar nicht mehr zum zentralen Ort des stillen Örtchens durchdringen, der Klomuschel selbst. Aber das ist echt eine andere Geschichte.

Du immer...

Zurück zu den Fragen. Erst unlängst warf ich beim Sonntagsfrühstück folgendes Gedankenspiel zwischen Spiegelei und Butterkipferl Richtung Pyjama-Mann: Ist die Wahrheit immer gut? Da kräuselte er die Philosophenstirn und seufzte: Heast, du immer, mit deinen komischen Fragen.  Davon ließ ich mich nicht irritieren, stattdessen  nannte ich ihm ein Beispiel: Ehrlich, jetzt! Gesetzt den Fall, du wärst zum Champions-League-Finale  FC Barcelona gegen FC Gschistigschasti eingeladen – und das just an unserem 20. Hochzeitstag, den wir gratis auf einer Südseeinsel feiern könnten: Wo wärst du  lieber? Erneut  murmelte der Mann nebenan: Heast, du immer mit deinen komischen Fragen! Und ich sah ihm an, wie es in ihm nagte: Soll ich, soll ich nicht, soll ich, soll ich nicht? (nämlich die Wahrheit sagen). Etwa drei Minuten später lächelte er süß und meinte: Auf der Insel, mit dir, was glaubst denn du wohl, Schatz. Daraufhin meinte ich in aller Doppelbödigkeit: Gar nix glaub ich, gab ihm einen Kuss und nahm die Lüge als Kompliment eines Liebenden, der einfach nur einen ruhigen Sonntag verbringen möchte.

Kabarett „Schatzi, geht’s noch?“ – neue Termine:    10.   1., 27.  1.,  23. 2., Rabenhof;   7.  12. Vöcklabruck, 27. 3. Stadtgalerie Mödling, www.paaradox.at

ER

ErIch finde es ja wirklich erstaunlich, mit welcher Selbstvergessenheit sich gnä Kuhn der Frage Ist die Wahrheit immer gut? nähert, nachdem sie mich im selben Satz allen Ernstes als „Pyjama-Mann“ bezeichnet hat. Also echt jetzt, so fangen wir gar nicht erst an. So weit ich mich erinnern kann, war es eine der ersten Entscheidungen meines Lebens unmittelbar nach Entwicklung der Fähigkeit,  einen eigenen Willen in Worte zu fassen: kein Pyjama! Nie mehr. Mag ich nicht.  Und das ist die Wahrheit. Ob die jetzt fürs Image gut ist oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiß nur, dass es kaum eine verstörendere Vorstellung gibt als jene, dass unter dem Christbaum als Geschenk  so ein Flanell-Dings  für kuschelige Nächte liegen könnte.

Sprunghaftigkeit

Fernab dieser Gruselstory ist es jedoch unbestritten, dass meine Frau  zu jeder Zeit und an jedem Ort Fragen hat. Viele Fragen. Sehr viele Fragen. Ich behaupte, im ehelichen Verhältnis kommen auf eine Frage von mir („Guten Morgen, wie hast du geschlafen“) zehn  Fragen von ihr – von „Gut, und du?“ über „Wie mach’mas heute mit Einkaufen?“ bis „Ist jemand, der sich selbst belügt, ein Lügner oder ein Belogener?“  Ihre sagenhafte Sprunghaftigkeit zwischen Pragmatismus und Existenzialismus, zwischen Alltags-, Sinn- und Fangfragen ist dabei mindestens so grotesk  wie die Annahme, ich  hätte stets Antworten für sie parat. So flüsterte sie mir unlängst kurz vor dem Einschlafen zu: „Wenn du für den Rest des  Lebens nicht mehr Rotwein und Weißwein trinken dürftest, sondern nur mehr entweder oder, was würdest du tun?“ Dazu fiel mir nur ein: „Häh?“  Und sie: „Meine Güte, worauf würdest du  in Zukunft eher verzichten?“ Ich: „Blöde Frage.“ Sie: „Eh, aber sag’!“ Ich: „Na gut, auf den Pyjama.“ Sie: „Häh?“ Und ich: „Gute Nacht, mein Schatz!“

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 9. 12. Wien, Studio Akzent, 23. 1. Wien (Prateralm)