© Jeff Mangione

Paaradox
09/08/2019

Paaradox: Gestichelt

Wenn das (männliche) Wespenopfer wimmert, aber sie nur einige, wenige Erste-Hilfe-Maßnahmen parat hat – zum Beispiel ein mildes Lächeln.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

„Dies ist das Schicksal vieler Männer: Im ersten Jahr seiner Ehe kämpft er um die Führung, im zweiten um die Gleichberechtigung, im dritten um die nackte Existenz“. Angeblich hat das  George Bernhard Shaw gesagt hat, es hätte aber auch vom Mann nebenan sein können.  Den hat nämlich vor ein paar Tagen eine Wespe gestochen und ich weiß, er denkt, ich hätte das organisiert. Noch ein paar Tage zuvor hatten wir nämlich Streit. In dessen Rahmen er tatsächlich sagte:
Stell dich doch nicht so ... an! Feinsinnig, wie ich nun mal bin, habe ich sein dezentes deppert natürlich vernommen. Ich sagte nix, stattdessen nahm ich mir vor,  diesen Satz an geeigneter Stelle als Retourkutsche zu verwenden – die Insektenattacke schien mir ein guter Moment dafür.

Erste Hilfe

Da stand es, mein Wespenopfer, und wimmerte für alle hörbar: Pfah, wuh, uh, moi, bist du, tut das weh. Dazu presste er die Hand auf die  Stich-Verletzung und machte fuchtelnd auf seine Notlage aufmerksam. Die Menschen im Gastgarten wurden unruhig, jemand fragte: „Ist ein Arzt anwesend? Oder eine Krankenschwester?“ Ein Paar rief: „Wir können Erste Hilfe!“ Die Kellnerin eilte mit einem Kübel Eiswürfel herbei. Eine ältere Frau meinte, man solle den Herrn wohl besser schocklagern. Eine junge Mutter fragte besorgt, ob das Opfer gegen Wespen allergisch sei. Nun beruhigte ich die Beunruhigten: Alles bestens, allergisch ist der Gute maximal auf Zucchini und mich.  Dem  Mann nebenan  drückte ich lächelnd ein kaltes Fetzerl in die Hand und raunte: Pass einmal auf. Das tust du dir jetzt auf den Stich, dann bestellst du dir noch ein Krügerl und in Folge verhältst du dich wieder möglichst unauffällig. Stell dich einfach nicht so an. Das „deppert“ ließ ich weg, ich bin nämlich eine von den Guten. 

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11., Rabenhoftheater; 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10., Burg Perchtoldsdorf. Alle Termine hier.

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ER

Auf jener Suche nach einem Verbündeten, die für einen geprüften Ehemann unverzichtbar ist, kann ich mich auf Johann Wolfgang von Goethe stets verlassen. Der formulierte einst: „Weiß denn der Sperling, wie’s dem Storch zumute sei?“ In diesem Sinne habe ich mich von der Idee, im Falle kleinerer Verletzungen bei meiner Frau obsessive Mitgefühlsregungen auszulösen, längst verabschiedet. Als ich kürzlich den kleinen Zeh in einen Türstock rammte und schmerzverzerrt (quasi storchengleich) auf einem Bein durchs Zimmer hüpfte, rang sich die Liebste gerade noch dieses ab: „Oje. Aua. Ist aber sicher gleich vorbei.“ Als ich mir wiederum mit der Gartenschere in den Finger schnitt, entschied sie sich spontan für die Variante Fassungslosigkeit mit Gelassenheitstonfall: „Hearst, du Zauberer, wie ist dir das schon wieder gelungen?“

Nur kein Wehklagen

Und als mich die (landesweit größte, aggressivste und ganz sicher auch gefährlichste) Wespe knapp unter dem Ohr gnadenlos in den Hals stach, machte sie in meiner Wahrnehmung sogar noch einen Schluck aus dem Weinglas, ehe sie provokant unaufgeregt zur Hilfe schritt. Sie drückte mir erst ein kaltes Tuch auf die Stelle, dann ein Bussi und sagte am Ende: „Mein Held, du musst jetzt ein bissi tapfer sein. Und froh, dass du kein Allergiker bist.“ Das war’s. Nicht das geringste Wehklagen wird einem gegönnt, von Trost-Eis mit Trost-Schokosauce und Trost-Hohlhippen ganz zu schweigen. Aber wehe, ich sattle nicht sofort mein weißes Pferd, um als Ritter Don Nasivino in die Apotheke zu galoppieren, sobald gnä Kuhn am Horizont erste Vorboten einer Schnupfen-Armee sichtet. Also sage ich: „Sei froh, dass du mich hast.“ Und vollende lächelnd mit Goethe: „Aus dem Glück entwickelt sich oft Schmerz.“

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 24. 10. Wien (Alt Erlaa), 12. 11. Wien (Martinschlössl), 20. 11. Wien (Haus des Meeres).

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