© Jeff Mangione

Paaradox
06/30/2019

Paaradox: Hör mal, wer da klingelt

Neues Smartphone – neue Herausforderungen: Er scheitert an den digitalen Finten, sie empfindet seinen neuen Rufton als Angriff auf ihre Seelenruhe.

SIE

Endlich. Der Mann nebenan hat ein neues Smartphone. Allerhöchste Zeit,  denn seit Monaten grüßte täglich das Hufnagl’sche Handy-Murmeltier: Mah, der Dreck hängt schon wieder! Wieso hab ich so wenig Akku? Ich hör nix, seh nix, es läutet nicht –  fix, Teufel noch einmal.  Aber, oh Wunder: Dieser Tage wirkten die Gravitation und Gottes Zeigefinger auf den alten Krempel ein und ließen es dem Mann aus den Händen gleiten – wupp, genau auf den Natursteinboden.   Aus. Ka-Putt.

Neben der Tonspur

Leider auch: Oje. Denn seit das neu erstandene Technikwunder in seinen Händen liegt, beschäftigt er sich quasi rund um die Uhr damit, weil: Pfuh, ich weiß nicht, warum das alles nicht geht. Urkompliziert. Nur eines funktionierte zügig: die Sache mit dem neuen Klingelton. Mit irgendeinem Trallala gibt sich Mann von Welt natürlich nicht zufrieden, neue Töne braucht das Land. Seitdem sorgt das Läuten seines Handys für stromschlagartige Stresshormon-Kirtage bei mir. Seine Wahl, „Beethoven, nightcore, virus“,  klingt als würde ein Ton gewordenes Kriegsschiff mit spitzem Bug in meine Kuschelinsel stechen und ein  offenbar völlig wahnsinnig gewordener Herr der Finsternis mit Schwert, Maschinengewehr und Eroberungswut Königin Gabrieles Teelichtland final zerstören  wollen.  Wenn ich dann frage, ob er vor hat, mich ins Irrenhaus zu klingeltönen, sagt er nur: Ich weiß jetzt echt nicht, was du hast. Dieses Läuten ist  einfach nur super! Nein. Ist! Es! Nicht! Ich sage an dieser Stelle daher  nur: … in guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Ton uns scheidet. Daher habe ich seit gestern einen neuen Wecksound auf mein Handy gespeichert: eine wirre Free-Jazz-Improvisation von Kontrabass und Geige. So klingt  Rache.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 14. 7., Summerstage; 30. 9.,
26. 10. und 11. 11., Rabenhof; 3. 10. Bettfedernfabrik

E-Mail: [email protected]

Facebook: gabriele.kuhn / facebook.com/GabrieleKuhn60

 

ER

Was ich definitiv über mich weiß: Dass ich technische Herausforderungen verachte. Einerlei, welches Gerät mir offenbart wird – das Lesen von (niemals trottelhaft genug formulierten) Betriebsanleitungen und das von Ungeduld und Unwilligkeit begleitete Herantasten an eine uneingeschränkte Funktionstüchtigkeit entnervt mich. Für mich gehören Menschen, die sich stundenlang mit Entdeckergeist und Eroberungslächeln über beispielsweise eine neue vollautomatische Saftpresse hermachen, zu den großen Lebenskünstlern unserer Zeit. Was also für die einen die nahezu kindliche Freude über ein neues, weiterentwickeltes Smartphone ist, ist für mich das Gefühl einer Wurzelbehandlung im Vorhof zur Hölle.

Kein Rückzug

Diese Gemütslage erfährt jedoch nicht den zartesten Hauch der Erheiterung durch das leider überdimensional ausgeprägte Einmisch-Gen meiner Frau. Der Bogen ihrer konstruktiven Beiträge im Angesicht eines  gereizt tüftelnden Ehemanns spannt sich von So schwierig kann’s wohl nicht sein! über Durch Fluchen wird’s sicher nicht besser! bis zu Hörst du dir eigentlich manchmal selbst zu? Und es dauert in Folge auch nicht lange, ehe gnä Kuhn – statt die Frieden stiftende Rückzugvariante zur Rettung des Raumklimas zu erwägen – die Soll-Bruchstelle unserer Ehe manifestiert. Von Du solltest genauer lesen! über Solltest du dir das nicht von jemandem, der sich auskennt, machen lassen? bis zu (die Höchststrafe) Soll ich dir helfen? Dabei merkt sie gar nicht, wie sehr sich meine Grundsatz-Zappeligkeit durch ihre Besserwisser-Zappeligkeit zu einer Supernova-Zappeligkeit auswächst. Und so habe ich  zur Schonung meines Ichs tatsächlich für einen Augenblick überlegt, die Liebste meinen Klingelton aussuchen zu lassen.  Um dann doch lieber die wohlklingende Provokation zu wählen. Und ihrem Bist du jetzt völlig deppert? in fröhlicher Gelassenheit zu begegnen: „Schatzi, durchs Fluchen wird’s sicher nicht besser.“

Facebook: michael.hufnagl / facebook.com/michael.hufnagl9