© Kurier/Jeff Mangione

Paaradox
11/10/2019

Paaradox: In Festlaune

Ein 20. Hochzeitstag ist etwas Besonderes – und zwar auch dann, wenn es nicht der eigene ist. Für allerlei Fantasien sorgt er auf jeden Fall.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Heute eine Lektion aus der Reihe Der unvergessliche Hochzeitstag. Bereits im Spätsommer ließ S die Freunde wissen: 20 Jahre mit meiner Frau, das feiern wir! Schon standen 100 ausgewählte Menschen auf der Einladungsliste für eine „kleine“ Party. Wir waren dabei. Was für ein Fest. Erst wurde gevöllert, dann wurde geträllert. Und zwar vom musizierenden Ehemann und seinen Kumpels höchstpersönlich, die der Gattin einen Kuschelrock-Abend widmeten.

Na bumm.

Als wir heimfuhren sagte der Mann nebenan erst nix, dann na bumm, schließlich schwieg er. Ja, die Hochzeitstagssausen-Latte lag ab sofort verdammt hoch. Dabei sah ich, wie folgender Satz hinter seiner Stirn wummerte: Nur noch fünf Jahre bis zu unserem 20er – Himmel, schick mir eine Idee! Wenig später lag ich im Bett und hatte eine Halbschlaf-Vision: Ich sah den Mann nebenan, wie er in einem engen Glitzeranzug mit geschlossenen Augen auf einer Bühne steht. Es ertönen die ersten Takte von „My Heart Will Go On“ aus „Titanic“. Er breitet die Arme aus, an einem Nylonfaden schwebt eine Panflöte von oben herab in seine rechte Hand. Kunstpause, dann greift er nach dem Instrument. An jener Stelle, an der normalerweise Celine Dion ihr „Every night in my dreams I see you, I feel you…“ intoniert, bläst Hufnagl mir und 1.000 Gästen seine musikalische Liebeserklärung entgegen, gefolgt von „Eternal Flame“, „Amazing Graze“ und als fulminantes Finale „I will Always Love You“. Knapp bevor ich endgültig ins Land der Albträume glitt, packte ich den Mann nebenan am Arm und rief: Bitte nicht! Lass uns zum 20. Hochzeitstag einfach nur schön essen gehen. Er schlief offenbar schon, doch das Lächeln um seine Lippen, sagte mir: Er hat mich erhört.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 11. 11., 10. und 27. 1. im Rabenhof; 14. 11. Himberg, 23. 11. Neusiedl, 30. 11. Klosterneuburg, 7. 12. Vöcklabruck.

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ER

Ich erinnere mich nur zu gut an unseren ersten Hochzeitstag. Und zwar deshalb, weil ich ihn damals tatsächlich vergessen hatte. Den allerersten! Was mir nicht nur die Fassungslosigkeit meiner Frau („Das glaubt mir niemand“), sondern auch die Mahnungen meiner Mutter („Das sollte eher nicht passieren“) und der Freundinnen-Schar („Bist du von allen guten Geistern verlassen?“) einbrachte. Meine Erklärung, dass ich an diesem Tag als Bespaßungspapa für ein Sommerfest im Volleinsatz war und vor lauter Huckepackspielen die Erinnerung aus den Augen verloren habe, brachte nur minimale Linderung. Ich wusste, dass ich im Jahr darauf den Großglockner besteigen musste, um mich filmen zu lassen, wie ich oben angelangt rote Herzerl-Luftballons in den Himmel verabschiede. Mindestens das schien gefordert, ohne dass es je ausgesprochen wurde. Aber so frisch kann man gar nicht verheiratet sein, um nicht die zu Sehschlitzen geformten Augen verlässlich zu interpretieren.

Druckaufbau

Ich gestehe, dass es mit dem romantischen Gipfelsturm nix wurde, aber ich habe natürlich meine Lehren gezogen. Denn gnä Kuhns Worte am Tag nach dem Versäumnis („Duuhuu, weißt du eigentlich, wo wir gestern vor einem Jahr waren?“) gehören zu meinem Bewusstsein wie die Dornen zur Rose. Umso größer wurde jetzt der Druck, als ich erfuhr, dass ein Freund wochenlang Schlagzeug-Stunden genommen hatte, um seine Frau zum 20er in den siebten Himmel zu rocken. Leider kam ich als Musiker nie über „Alle meine Entchen“ am Xylofon hinaus, weshalb ich bis zum Jahr 2025 eine andere kreative Idee verwirklichen muss. Oder ich lerne doch noch rasch Panflöte. Und spiele „Zwickt’s mi“. Im Hochzeitsanzug. Auf dem Großglockner. Das wunderbare Lachen der Liebsten wär’s mir wert.


Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 20. 11. Wien, Haus des Meeres, 9. 12. Wien, Studio Akzent.

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