Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl

© Jeff Mangione

Paaradox
02/23/2020

Paaradox: Kein Achterl

Der harmonisch gefasste Entschluss, öfter auf Alkohol zu verzichten, sorgt für manche Verhaltensauffälligkeit bei der Getränkewahl.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Es ist so weit, wir schwingen uns schon ein bisserl auf die Fastenzeit ein, mit Betonung auf „bisserl“. In einem gemeinsamen Statement haben wir festgelegt, an zwei bis drei Tagen pro Woche keinen Schluck Alkohol zu trinken. Nicht einmal ein Willkommensachterl, auch kein „Tagesausklangsachterl“ oder „Rotwein-passt-so-herrlich-zu-Spaghetti-Achterl“. Das Motto „A-Flucht-Achterl-geht-no“ ist ebenfalls out.

Nur keine Experimente!

Der Mann nebenan, in Fachkreisen gerne „harte Sau“ genannt, geht das radikal an. Er trinkt an den sauberen Tagen Tee und abends fünf Achtel Wasser. Ich hingegen experimentiere mit Aroniabeeren oder Macisblütensirup und schlürfe Marillensaft. Wenn ich ihn frage, ob er was davon mag, fragt er wiederum, ob Aronia & Macis fix zam sind und wo die genau wohnen. Und er ergänzt: Marillen esse ich nur im Topfenteig-Manterl. Dieser Tage entdeckte ich im Bioladen meines Vertrauens alkohol- und glutenfreies Bier. Ich, nicht fad und stets offen für das Neue, griff zu, kühlte den Trunk gut und reichte ihn mir am alkoholfreien Abend zu Schinkenfleckerl mit Salat. Der Mann nebenan hatte wie gewohnt seinen gut gefüllten Wasserkelch vor sich stehen und schaute mit gekräuselter Nase auf das promillefreie Krügerl. Kost doch einmal!, ermutigte ich ihn und hielt sogleich einen Vortrag. Also, wie wichtig es sei, eingetretene Pfade zu verlassen, auch sensorisch betrachtet. Er nickte (Jo, eh, im nächsten Leben), nippte und urteilte: Bist du deppert, ist das grauslich! Schmeckt wie Kräutertee mit Mineralwasser aufg’spritzt, in dem vorher Badesalz aufgelöst wurde. Anschließend pflückte er noch einen Kalenderspruch aus seinem nüchternen Hirnkastl: Askese – in Ordnung. Aber man muss auch mal auf Entbehrungen verzichten können. Wohl bekomm’s.

Unser Kabarett: Heute und 9. 5., Rabenhof; 27. 3. Mödling, 28. 3. Langenlois, 2. 10. Bettfedernfabrik; 16. 10. Stadttheater Königstetten, 16.11. Hagenbrunn

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ER

Selbstverständlich ist es gewöhnungsbedürftig, wenn wir im sardischen Restaurant unseres Vertrauens sitzen und dem leidenschaftlichen Kellner erklären, dass er uns diesmal bitte kein gut gekühltes Achterl Vermentino  bringen möge. Der zuckte kurz, hob die Schultern, breitete theatralisch die Arme aus sagte dann mit unmissverständlicher Mimik: „Kein Vino, eeeh, kanne nikte sein.“ Kanne doch. Und so steht dann eben ein Mandarine-Bergamotte-Soda-Mix neben dem gebratenen Branzino. Neben ihrem, wohlgemerkt. Ich habe nach unserem gemeinsamen Entschluss zu den alkoholfreien Tagen unprätentiös festgehalten: „Dann halt Wasser.“ Und zwar ohne gröbere tiefenpsychologischen Erläuterungen. Ich mag Wasser, und aus. Dennoch käme mir niemals die Idee, gnä Kuhn unbedingt davon überzeugen zu müssen, dass sie sich mit ihrem Quittenquirks lieber den Rücken einschmieren soll statt es zu trinken. Weil nämlich nur der neutrale Geschmack des Wassers den Verzicht als Tugend erscheinen lassen würde.

Bunte Welt

Umgekehrt jedoch löst das Fehlen von Wein und Bier auf dem Esstisch automatisch einen  sagenhaften Missionierungsprozess bei gnä Kuhn aus. Denn sie kostet sich jetzt durch die bunte Welt von Mango-Holunderblüten-Scrub (zum Gemüse-Wok), Wild-Berry-Dream-Drink (zum Topfenschmarrn) und Grapefruit-Granatapfel-Mocktail (zum Rindsschnitzel). Und sie wird dabei nicht und nicht müde, wie eine Animateurin im Drei-Sterne-Klub „Mare e frutta“ die Magie ihrer kreativen Panschereien zu preisen.  „He, kost’ doch einmal“, tönt es. Und „Aah, kost’ doch einmal“. Und „Mmmh, kost’ doch einmal“.   Also koste, koste, koste ich und spüle dann mit Wasser nach. „Mühsam mit dir“, sagt sie. „Eh“, sage ich. Weil Liebe ohne Kopfschütteln kanne nikte sein.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“:
13. 3. Bad Fischau (Schloss), 17. 3. Wien (Café Schopenhauer)

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