© Jeff Mangione

Paaradox
09/01/2019

Paaradox: Es weihnachtet schon

Wenn sie bei 32 Grad im Schatten über den Farbton des Christbaumschmucks sinniert, braucht er dringend eine Auszeit im Badezimmer.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Kurzer Rückblick: Vergangene Woche habe ich mich mit der Verbal-Erotik ehelicher Kommunikation beschäftigt, bzw. mit dem Gegenteil dessen: Begriffe, die im Beziehungsalltag unerwähnt bleiben sollten, damit alles flutscht. Doch manchmal stellt das Leben Fallen und so kam es, dass ich während der Sonntagsfrühstückslektüre auf dem IPad wohlig berührt aufschrie: Jö, Christmas-Pre-Shopping bei XY! Dem Mann nebenan fiel in der Sekunde das Kipferl aus der Hand: Pre-wos? Habe ich da gerade das Wort Weihnachten vernommen? Sommerfrühstücks-Glück perdu, Alarmstufe feuerrot.

Zum Sonderpreis

Ich lüge nicht, daher mutete ich ihm die ganze Wahrheit zu: Dass ich nämlich beim Online-Kaufhaus meines Vertrauens, wo ich heuer bereits zum Sonderpreis Sommertischwäsche, Sommergeschirr sowie Sommeraccessoires erstanden hatte, nun auch Weihnachtstischwäsche, Weihnachtsgeschirr und Weihnachtsaccessoires erstehen würde. Zum So-nd-er-preis, versteht sich. Und dass ich erwäge, die heurigen Festtage im angesagten Farbton „Blush“ zu gestalten, in vier Monaten, bitteschön, sei es ja schon wieder so weit. Ich ergänzte: Außerdem gibt es dort 217 Christbaumkugeln um 37 Euro sowie Indoor-Weihnachtsbeleuchtung ab 5 Euro. Nun war die Stimmung so aufgeladen wie die Kumulonimbus-Wolke, die über unserem Garten stand. Das Kipferl lag zerstört auf dem Teller, der Schaum des Cappuccino war in sich zusammengefallen, der Nachbar begann gerade heftig zu kärchern und der Mann hob an: Wenn du mitten im Sommer noch einmal das Wort Christmas-Pre-Shopping in meiner Gegenwart in den Mund nimmst, dann… Weiter kam er nicht. Es läutete an der Tür. Wochenend-Sonderzustellung: Zumindest die Herbst-Deko ist gesichert.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11., Rabenhoftheater; 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10., Burg Perchtoldsdorf. Alle Termine hier.

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ER

Es war einer dieser August-Tage, an denen die Hitze so aufs Gemüt drückt, dass man ernsthaft überlegt, ob der Griff zum Sommerspritzer nicht vielleicht doch zu viel der Bewegung und Anstrengung sein könnte. Da saß die Liebste also unter dem Sonnenschirm und sagte den Satz, der einen Ehemann augenblicklich in den Alarmglocken-Modus versetzt: „Schatzi, wir müssen reden.“ Verstärkt durch eine Mimik, die den Verdacht nährt, ein Gespräch über den Wortlaut des gemeinsamen Testaments stünde an. Oder darüber, dass eine grausam anstrengende Tätigkeit allmählich unvermeidbar sei, etwa das Putzen der Badezimmerfliesenfugen. Oder zumindest über die Neugestaltung des Haushalts-Etats … weil das Gefühl für schwermütige Gedanken zu unmöglichen Zeitpunkten besitzt meine Frau wie niemand sonst.

Schockstarre

Aber nicht einmal nach so vielen Jahren Ehe hätte ich auch nur im Ansatz antizipieren können, welche Worte ihr über die bezaubernden Lippen perlen sollten. „Meinst du nicht …“, begann sie in jener Tonalität, die ein Interesse an meiner Meinung nur um des Friedens Willen vortäuscht, nachdem sie längst einen Beschluss gefasst hat. „Meinst du nicht, wir sollten nach so langer Zeit den Christbaum heuer ganz anders und in neuen Farben schmücken?“ Ich habe keine Vorstellung über den Grad des Entsetzens, das in meinem Gesicht zu lesen gewesen musste. Ich weiß nur, dass ich nach einigen Sekunden Schockstarre folgende Antwort wagte: „Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ Und ich finde, vier Monate vor dem Heiligen Abend war das noch äußerst höflich formuliert. Danach machte ich mich trotzig schwitzend über die Fliesenfugen her. Und summte demonstrativ laut „Es wird scho glei dumpa“. 

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 24. 10. Wien (Alt Erlaa), 12. 11. Wien (Martinschlössl), 20. 11. Wien (Haus des Meeres).

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