Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl

© Jeff Mangione

Paaradox
02/02/2020

Paaradox: Leserbriefe und Stau

Worte, die nachdenklich machen. Und je beharrlicher der Stillstand auf der Straße, desto mehr gerät im ehelichen Dialog in Bewegung.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Vergangenen Sonntag ging es hier um unsere Ehe und den Stau. Die Kolumne endete so: Bevor du jemanden heiratest, musst du mit dieser Person mindestens zwei Stunden im Stau gestanden haben. Nun schloss ich die Augen und erinnerte mich an diese Szene unserer Noch-nicht-Ehe. Die wollte ich heute erzählen, aber es ist was passiert: Leserbriefe kamen, in denen darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es bei uns „im Stau gestanden SIND“ heißen muss. Seine vorehelichen Stau-Erlebnisse schilderte mir niemand. Schade.

Kritische Automobil-Dichte

Nun: Im Hochdeutschen werden Verben, die keine Bewegung ausdrücken mit „haben“ konjugiert. Nicht so in Österreich. Sebastian Sick schreibt dazu: Im Süden gilt offenbar auch der Stillstand als Bewegung. Wer bei uns gestanden hat, wird im Gefängnis gesessen sein und sonst nix. Womit wir beim Mann nebenan gelandet wären, der beim Wort „Stau“ in der Sekunde ein nervöses Nervenleiden aufreißt. Fünf stehende Autos vor ihm sind sein Seelengefängnis und verursachen ein mehrwöchiges Burn-out. Das war immer so und wird wohl so bleiben. Für ihn reicht alleine die homöopathische Idee einer kritischen Automobil-Dichte, um großspurige Umfahrungen einzuleiten. Ich rechne, an seiner Seite sitzend, dann gerne aus, was das Ausweichmanöver an Zeit spart. In den meisten Fällen: Nullkommapeppi. Aber immerhin sieht man dabei so manch toten Winkel unseres Landes. Dann g’scheitle ich gerne herum, etwa so: Stell dir vor, Schatzi: Stauforscher meinen, dass ein einzelner Fahrer für den so genannten Stau aus dem Nichts verantwortlich ist. Dein, äh, sein, Verbremser oder Überholvorgang ist es, der Minuten später einen Stau und Stillstand verursacht. Und ja – da kann es durchaus vorkommen, dass das Schatzi den ÖAMTC um Beziehungspannenhilfe bittet – sehr dringend, sehr heikel, sehr laut.

Unser Kabarett: 23. 2., 9. 5., Rabenhof; 27. 3. Mödling, 28. 3. Langenlois

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ER

Leserbriefe sind das Salz in der Kolumnistensuppe. Es gibt kaum ein Beziehungsthema, das nicht geeignet ist für Zusprüche, Zwischenrufe oder Belehrungen aller Art. Unlängst erst teilte mir Willi H.  geradezu spitzbübisch mit, dass ich als  Benutzer einer Auto-Sitzheizung für ihn leider, leider in die Kategorie  „Weichei“ einzuordnen sei. Das fand ich  amüsant und antwortete beinahe entschuldigend, dass ich mir den Hintern bitte eh nur in besonders frostigen Momenten wärme. Heißt: Ich fühle mich maximal als Semi-Weichei, und als solches lebt es sich im Grunde recht fein. Zumal ich an dieser Stelle gerne gestehe, dass ich das Auto tatsächlich immer schon  als reines Nutzfahrzeug betrachtet habe, für das ich absolut null Leidenschaft empfinde. Ich will nur einigermaßen bequem von A nach B gelangen und mich auf diesem Weg so wenig wie möglich ärgern.

Unerschöpfliche Weisheit

Ich sehne mich auch am Steuer nach buddhistischer Gelassenheit. Diese wird jedoch gelegentlich durch Aufkommen von  Stau (der ich in Wahrheit selbst bin, ich weiß) verhindert. Oder aber (wesentlich verlässlicher) von meiner Frau. Die steht nämlich als Beisitzerin stets auf dem Gas der Weisheit.  Der Fundus von Frau Oberg’scheit scheint unerschöpflich. 

Meine Favoriten lauten: 1. „Ich wäre anders gefahren.“ 2. „Du hättest vorher schon abbiegen sollen.“ 3. „Wir hätten früher abreisen müssen.“ 4. „So wird’s nix werden.“ 5. „Es ist jetzt sinnlos, sich zu ärgern.“ Wobei mich der letzte Satz mit Vorliebe dazu animiert, die wahre Ursache  fehlender Balance zu diskutieren. Ist es wirklich nur das Stop&Go auf der Straße, das mich narrisch macht, oder vielleicht doch eher das Go&Go ihrer Wortgewalt? Aber ich gebe zu: Für die letzte Konsequenz („Weißt was, fahr doch du!“) fehlt mir die Entschlossenheit. Semi-Weichei eben.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 13. 3. Bad Fischau (Schloss), 17. 3. Wien (Café Schopenhauer) 

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