© Jeff Mangione

Paaradox
12/29/2019

Paaradox: Nadelstiche

Alle Jahre wieder wird die Baumdeutung zum Weihnachtserlebnis mit einer verlässlichen Aktivierung der emotionalen Zentren.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Vergangene Woche habe ich  an dieser Stelle verraten, dass der Mann nebenan engagierter Jäger und Sammler „kuriosen Wissens“ ist, mit bevorzugtem Schwerpunkt „Sport“ und Spezialisierung auf das Thema „Fußball“. Testen Sie ihn, er kann sagen, wer im vorigen Jahrhundert in der 82. Minuten im Spiel Gschistigschasti gegen Gschastigschisti das entscheidende Tor erzielt hat. Das hat mit dieser gewissen, fast schon neurotischen Verbissenheit zu tun – er spricht selbstverständlich von „Leidenschaft“.

Der da! Oder der da?

Manchmal erweitert sich dieses durchaus neurotische Tun auch auf andere Lebensbereiche, wie etwa den Christbaumkauf. Ich bin da jemand, der  zügig entscheidet. Heißt: Ich komme, schaue kurz und sage: Der da! Er kommt, schaut lang und sagt: Da gibt’s nix. Dann wechseln wir den Christbaumverkaufsstandort vier Mal, denn einmal „sind die Asterln oben zu dicht und unten zu kurz“, dort „schaut der Baum aus wie ein Ding, mit dem man Laub kehrt“, da „ist die Tannennadeldicke suboptimal“, dort „greift sich der ganze Baum komisch an“.

Und alles, was mir gefällt, gefällt ihm schon gar nicht. Nadel verpflichtet. Also schicke ich ihn seit einigen Jahren allein in den  Christbaum-Wald, im Vertrauen darauf, dass er  dann auch wieder heimkommt und auf der Suche nach dem besten Stück nicht  verloren geht. Das habe ich auch heuer getan, mit einem Schatz, es ist so weit. Ein Christbaum muss her! Versprich mir, dass du in 12 Stunden wieder da bist. Nur fünf Stunden später kehrte er zurück – jauchzend, frohlockend. Als er den Baum  dann feierlich aufstellte, sagte ich – wie jedes Jahr: Hasi, das ist der schönste , den du je gekauft hast. Mein Geschenk an den Baumherrn, denn ehrlich: Wer kann sich schon an den Schnee von gestern erinnern?

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Unser Lesekabarett 2020 „Schatzi, geht’s noch?“: 10., 27. 1., 23. 2. ,9. 5., Rabenhof; 10.3. Neue Mittelschule Aderklaa; 27. 3. Mödling; 28. 3. Langenlois

ER

Gut,  dann bemühe ich eben den Hirnforscher Gerald Hüther, der den Begriff „Gießkanne der Begeisterung“ schuf: Damit im Hirn langfristig etwas verankert werden kann, muss das, was man lernen will, unter die Haut gehen. Neurobiologisch heißt das, es muss zu einer Aktivierung der emotionalen Zentren kommen. Genau so funktioniert das mit der Erinnerung an Fußballresultate. Während ich mir von meiner Matura gerade einmal gemerkt habe, dass ich sie nicht schwänzte, kann ich stattdessen zu jeder Zeit  in jedem Zustand Wuchtel-Details aus grauer Vorzeit abrufen. Weil mir die Künste von Platini oder Maradona eben eher unter die Haut gingen als die Erklärungen zum vierblättrigen Nagelkraut (Polycarpon tetraphyllum) oder zur orthogonalen Axonometrie eines Vierkanthofes.

Tannen-Tango

Dinge, die nur mäßige Begeisterung hervorrufen, geraten also rasch in Vergessenheit. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass ich mich Weihnacht für Weihnacht auf die Baumjagd mache. Weil ich das kuhn’sche Bam-Tam offenbar alle Jahre wieder erfolgreich verdränge. Die Auswahl überlässt sie noch mir (weil: dauert lang, könnte kalt werden). Ebenso den Transport (weil: schwer, sperrig, sticht) sowie das Aufstellen, Geraderichten und Aufputzen (weil: sie kann sich bitte echt nicht um alles kümmern).

Gnä Kuhns Tannen-Tango setzt traditionell erst in den Tagen nach dem Heiligen Abend ein. Mit Fragen, die zu baumatischen Erlebnissen reifen. Warum hängt die alte Kugel von der Resi-Omi nicht? Ist die Lichterkette eh gleichmäßig? Nadelt der schon? Wie lange willst du ihn stehen lassen? Tja, ins neue Jahr soll er uns fix begleiten. Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden das hoffentlich auch tun. Wir wünschen Ihnen jedenfalls einen
guten Rutsch. Und für 2020 eine Gießkanne der Begeisterung.

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Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 12. 1. Wien (Matinée im CasaNova), 23. 1. Wien (Prateralm)