Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl

© Jeff Mangione

Paaradox
03/15/2020

Paaradox: Neue Zweisamkeit

Wir sind jetzt mehr daheim denn je. Aber was tun mit der Zeit? Reden? Ausmisten? Spielen? Auf jeden Fall ziemlich gefordert sein!

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Michael, fast allein zu Haus’: Nix geht mehr, und wir gehen vor allem kaum mehr weg. Keine Parties, bei denen der Mann nebenan mit seinen Weisheiten brillieren und Eindruck schinden kann, keine Wirtshausrunde nach dem Motto „Ein Achtel is immer noch g’angen“. Die Alternative „24/7-Sport-schauen“ fällt leider auch aus – ich fürchte, er wird bald anfangen, zu häkeln oder Löcher in Netflix zu starren. Aber ich bin findig! Als Hohepriesterin des Konstruktivismus habe ich mich eine halbe Stunde lang hingesetzt und mir ein paar schöne Beschäftigungsstrategien für den guten Mann ausgedacht.

Reliquien

Zu tun gibt es nämlich genug, ich brauche mir da nur dieses Kisterl in unserem kleinen Homeoffice anzusehen, das er „Ablage“ nennt und ich Papiermist. Hier mischen sich Kassabelege aus der Ära des Schillings mit handgekritzelten Notizen, auf denen so Sachen stehen wie: Nicht vergessen – Karottengläschen kaufen! (allerdings wird unsere Tochter bald 20). Auch nett, diese kleine Zeichnung mit wackeligem Herz und den Zeilen Ich bin in tich värlibt. Vermutlich ein fossiler Liebesbeweis aus der Volksschulzeit. Wirklich spannend finde ich aber die Röntgenbilder seines Gebisses, die der (mittlerweile pensionierte Zahnarzt) im Jahr 2002 angefertigt hat: wunderschön. Und so positionierte ich mich zwischen ihm und der – gefühlt – 844. Folge dieser Serie, in der entweder geschimpft oder geballert wird, um ihm meine Idee zu servieren: Magst nicht einmal dieses alte Zeugs ausmisten? Jetzt wäre endlich einmal Zeit dafür. Der Mann nebenan reagierte darauf als hätte ich ihm gestanden, dass ich mit Vierlingen von einem anderen Mann nebenan schwanger bin. Sein Was hast du mit meinen Sachen gemacht, an denen hänge ich doch! klang panisch. Die Frage ist bloß: Was genau fühlt der Herr Hufnagl, wenn er mit verträumtem Blick seine Zahnwurzel links distal betrachtet?

gabriele.kuhn / facebook.com/GabrieleKuhn60

ER

Hm. Jetzt sind wir also auf uns selbst zurückgeworfen, meine Frau und ich. Als Duo Infernale. In unseren vier Wänden (die in Wahrheit einmal ausgemalt gehörten ... aber das ist eine ganz andere, heikle Geschichte). Und jeden Tag stelle ich aus Prinzip, damit ich nicht aus der Übung komme, die gleiche Frage: „Und, was mach’ma heute?“ Um mich am Lächeln von gnä Kuhn zu erfreuen, die verlässlich antwortet: „Nix.“ Es geht nun tatsächlich darum, die Zeit daheim neu zu bewerten. Abseits der vielen Gespräche, die wir sowieso immer  führen. Und weil ich weiß, dass die Liebste derlei Gelegenheiten gerne dazu nützt, mich zum Komplizen einer fleißigen Superbiene zu machen (Credo Herräumen, Abräumen, Wegräumen, Ausräumen, Umräumen, Aufräumen, Hinräumen, Einräumen, ...) wollte ich ihr mit einer bahnbrechenden Idee zuvorkommen. „He, lass’ uns doch etwas spielen“, frohlockte ich.

Fang den Hut

Dieses Gaby-Gesicht! Malen würde ich es, könnte ich einen Pinsel unfallfrei in Händen halten. Der Gedanke, mit mir eine Partie Schach, Halma oder Fang den Hut zu spielen oder ein gepflegtes Zweierschnapserl zu inszenieren (wer’s Bummerl hat, sortiert die Steuerbelege) offenbart bei ihr lediglich völlige Entgeisterung. Schlimmer wäre für sie nur noch, Arm in Arm mit mir auf dem Sofa im TV Aufzeichnungen von Skispringen  aus den 1990er-Jahren anzusehen  (und zwar Kleinschanze, eh klar). Früher konnte ich für den Vorschlag, sich als Siedler von Catan vor ein Brett zu setzen, noch das Begehren unserer Tochter ins Treffen führen. Aber die ist leider ausgezogen (und wäre sie es nicht, dann würde ich heute auch nur ein „Nope, Papo, voll nicht ...“ ernten). Also bleibt nur das Duell. Um einen Sieg, der ihr herzlich wurscht ist.  Oder wir lesen Bücher. Gemeinsam jeder allein. Gutes Gefühl.

Zur Information: Alle Auftritte von „Paaradox“ und „Mannsbilder“, die für März und April geplant waren, wurden verschoben. Die neuen Termine folgen.

michael.hufnagl / facebook.com/michael.hufnagl9