© Kurier/Jeff Mangione

Paaradox
06/16/2019

Paaradox: Sommergefühle

Sie kann endlich den Thermophor in die Ecke schmeißen, er würde sich gerne in einen Eiswürfel verwandeln. Das sorgt für hitzige Debatten.

SIE

Achtung, dringend: Ich bin auf der Suche nach einer Änderungsschneiderei, die dem Mann nebenan einen neuen Sommer näht. Aktuell passt nämlich gar nix, der Herr jammert auf hohem Temperaturniveau. Die Top-5-Lamenti: 1. Pfah, es ist jetzt schon so heiß! – Lagebericht, 7 Uhr morgens, beim Öffnen des Fensters. 2. Bist du deppert, warum ist es nur so heiß? Frage ans Universum, 7.30, knapp vor dem Hundespaziergang. 3. Du kannst dir nicht vorstellen, wie heiß es ist! Anklage, 8.30 nach Rückkehr vom Hundespaziergang. 4. Wahnsinn, ich habe gerade geduscht und jetzt ist mir schon wieder so heiß! Abschiedsworte knapp vor Aufbruch zu diversen Terminen. 5. Es ist einfach zu heiß. Feststellung, 21.30 bei einem kalten Glas Weißwein, draußen im Garten. Steht auf, geht ab. Nimmt im Wohnzimmer Platz.

Zerstochen und anämisch

Weil: Da wären noch diese Gelsen, die es ausschließlich auf seine Waden, seinen Fußrücken und seine Aura abgesehen haben. Und die dermaßen viel Blut aus ihm saugen, dass er – womöglich anämisch – den Sommer nicht überleben wird. Wenn ich ihn dann frage, ob ihm vielleicht ein stechmückensicherer  Bunker  im kühlen Sibirien als zukünftiger Wohnort genehmer wäre, erhitzt er sich gleich noch mehr: Du bist gemein. Schau mich doch einmal an! Dann zeigt er mir mit weidwundem Blick 23 verschieden große Einstiche, einen Hitzeausschlag und die Schatten auf seiner Seele. Geh halt ins Bett, sage ich ruhig. Und male mir heimlich aus, wie es wäre, würde er sich jetzt niederlegen und nach einem langen Sommerschlaf bei ihm genehmen Temperaturen wieder aufwachen. Doch da schallt es schon wieder aus dem Schlafzimmer: Ich kann nicht schlafen. Da ist eine Gelse. Es ist so heiß.  
 
„Schatzi, geht’s noch?“:  14. 7., Summerstage; 30. 9.  , 26. 10., 11. 11. im  Rabenhof; 3. 10. Bettfedernfabrik; 11.10. Burg Perchtoldsdorf. Alle Termine: paaradox.at

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ER

Ja, ich bin ein 25er-Mensch. Also jemand, der das Leben im Spätfrühling und im Frühherbst bei Temperaturen um die 25 Grad am liebsten genießt. Wenn es genau so warm ist, dass man im T-Shirt durchs Land spazieren, im Freien dinieren und von einem zarten Lüftchen inspiriert sinnieren kann. Und nicht so heiß, dass man sich jeden Schritt dreimal überlegt, alles an einem klebt und das Finden des Schlafs trotz Müdigkeit zur quälenden Herausforderung wird. Das Problem ist, dass es diese 25er-Übergangsphasen kaum noch gibt, und ich  wie ein biorhythmischer Hampelmann aus dem Mai-Frost ruckzuck in die Juni-Hitze katapultiert wurde.  Daher bin ich arm. Aber gnä Kuhn  verweigert diesem Gemütszustand die Anerkennung. Stattdessen sagt sie genervt: „Jetzt sei doch froh, dass endlich Sommer ist.“ Denn ihr Befinden von Glück ist grundsätzlich ein subtil formulierter Auftrag, sie dabei ohne Wenn und Aber zu begleiten. Und sollte ich vor den professionell organisierten Gelsen-Kampfgeschwadern und deren blutrünstiger Zermürbungstaktik flüchten, verdreht sie die Augen und kramt Weisheiten hervor wie „Schmier’ dich halt ein“. Oder, allerbester Tipp: „Nicht kratzen!“

Schwitzen und dampfen

Für die Liebste ist die Welt jetzt in Ordnung. Weil sie die Tropennächte ohne Heizung, ohne Socken und ohne Suche nach dem zweiten Thermophor verbringen darf. Weil sie beim Frühstück, beim Garteln und in der Hängematte vor sich hin schwitzen und dampfen kann, dass ich nur beim Zusehen eine Sehnsucht nach einem FKK-Urlaub in der Ostantarktis entwickle. Und weil sie genau weiß, dass sie nie gestochen wird, wenn  ich da bin. Und die Gelsen frohlocken:  „Oh, ein Hufnagl, auf ihn mit Gesumm’!“
 
KURIER-Nachtlese am 19. 6. von 19  - 20 Uhr und von 21 - 22 Uhr   lesen wir aus unseren Kolumnen in der Urania.

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