© Kurier/Jeff Mangione

Paaradox
11/17/2019

Paaradox: Staubwolken

Der Weg zum neuen Glück kann mitunter für so manchen Disput sorgen – über die Herausforderung, gemeinsam einen Umbau zu überstehen.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Ein Mann soll in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen, heißt es so schön. So betrachtet hat der Mann nebenan noch allerlei vor sich, denn nix davon ist bisher erledigt. Wobei er sich in Sachen Sohn echt nach was Frischerem umsehen müsste, um das noch abzuhaken. Im Grunde müsste man den Satz in unserem Fall aber sowieso umformulieren: Ein Mann soll in seinem Leben einen Kärcher in der Hand gehalten und fluchend ein Überwinterungszelt für unsere Topfpflanzen aufgestellt, vor allem aber ein Bad umgebaut haben.

Plastikplanen-Irrsinn

Letzteres geschah dieser Tage, wobei er – mangels handwerklichen Talents – den Badumbau an kompetente Menschen delegiert hatte. Worüber er froh war, ich aber noch mehr. Denn der Irrsinn begann schon einmal damit, dass er beschlossen hatte, unsere Wohnung im Stile des Verhüllungskünstlers Christo mit gigantischen Plastikplanen zu verhüllen, weil’s „ja staubt“. Wobei sich für mich die Frage stellte, wie sinnvoll es ist, meinen Arbeitsplatz samt Laptop und Sachen, die ich zum Arbeiten benötige, in eine wahnwitzige Plastikplanenskulptur zu verwandeln. Da stand er, wickelte ein, schwitzte und war von seinem Werk beseelt: Schau, da dringt nix durch! Vermutlich auch keine Luft zum Atmen, aber wurscht. Ich bat ihn daher, mir eine Gebrauchsanweisung zu schreiben, in der er mir verrät, wie ich das alles wieder enthüllen könne, um mein Tagwerk zu erledigen. Da meinte er nur: Schlüpfst halt irgendwie drunter, das wird doch bitte gehen, oder? Und so verbrachte ich diese Tage „irgendwie drunter“ und hatte extrem viel Spaß. Ich vermute ja fast, er hätte auch mich sehr gerne verhüllt – noch bevor das Christo nächstes Jahr mit dem Arc de Triomphe in Paris tun wird.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 10. und 27. 1. Rabenhof; 30. 11. Klosterneuburg; 7. 12. Vöcklabruck.

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ER

ErGnä Kuhn bedient sich gerne eines kolumnistischen Tricks, um mein Handeln im tragikomischen Licht erscheinen zu lassen. Was sie tut? Sie setzt als Erzählerin gezielt erst am Höhepunkt des Wahnsinns ein. Vorgeschichte? Wurscht! Nun denn, füge ich sie eben hinzu. Seit vielen Jahren wünscht sich meine Frau eine Umgestaltung des Badezimmers und untermauert dieses Sehnen mit regelmäßig auftauchenden Fragen Marke Meinst du nicht, wir sollten ...? oder Meinst du nicht, es wäre schöner ...? Es geschah aber nie. Was jedoch nicht das geringste damit zu tun hatte, dass meine Antwort verlässlich lautete: „Stimmt, meine ich tatsächlich nicht.“ Denn meine Ausführungen über die Zufriedenheit mit dem Ist-Zustand und  das durchaus tückische Verhältnis von Kosten und Nutzen hat sie etwa so interessiert wie die Spekulation, ob der LASK in der Europa League die Gruppenphase überstehen könnte. Nein, es gab nur einen einzigen Grund,  der die Liebste vom Projekt Paradieschen abhielt: Staub.

Bedrohliche Schnittmenge

Denn für einen Menschen, der die Frage nach dem Sinn des Lebens vermutlich spontan mit „Staubsaugen!“ beantworten würde, ist die Vision einer ultimativen Baustelle der Super-GAU. Schon der Gedanke an die bedrohliche Schnittmenge von Fliesenkünstler und Installateurakrobat veranlasst ihre Bronchien zum dramatischen Hilfe-Husten. Irgendwann  wurde  trotz allem ihr Wunsch so groß und mein Widerstand so klein, dass sie mir vor dem Eintreffen der Handwerker mit flehendem Blick ein Plastikplanenportfolio  übergab.  Und dann  war ich stundenlang damit beschäftigt, die Wohnung in  eine Art Versuchslabor  für  Feinpartikelneurotiker zu verwandeln.  Was die Liebste wiederum „ein bissi übertrieben“ fand.   Tja, so ein edler Staubritter hat’s nicht leicht.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 20. 11. Wien, Haus des Meeres, 9. 12. Wien, Studio Akzent.

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