© emaurit

Paaradox
07/07/2019

Paaradox: Ton-Folgen, zweiter Akt

Die Fortsetzung der Tragikomödie „Das Klingeln des Grauens“ – wenn sie den Gegenangriff einleitet, und er zum Widerstandskämpfer wird.

SIE

Epilog zur Schmonzette Das Smartphone und der Mann nebenan – Liebe am Abgrund. Nun wurde er  auch von anderen Mitmenschen auf seine eigenwillige Klingelton-Wahl („Beethoven, nightcore, virus“)  angesprochen, etwa in der Männerrunde:  Wos genau wüllst uns damit sagen? Besorgte Damen aus der Neigungsgruppe „In den Schuhen des anderen gehen“ fragten ihn stattdessen, ob er darüber vielleicht reden mag. Harsches kam vom Kellner im Wirtshaus:  Geh’ns sans so liab und gengans wieder?

Was ist mit dir?

Schließlich die Tochter, die  recht unverblümt sagte: Papo, was ist mit dir?  Warum hast du nicht einen ganz normalen Klingelton wie ein ganz normaler Mensch?. Daraufhin zog er sich zurück, um sich    leid zu tun. Eine Stunde später kam er mit einem Lächeln wieder und verkündete beim  Abendessen: So. Zu Euer aller Beruhigung habe ich  jetzt einen neuen Klingelton geladen.  Aufatmen, vor allem bei mir, die bereits von getrennten Wohnsitzen geträumt hatte. Nun waren wir aber gespannt, wer der „Neue“  ist.  Ruf mich an!, sagte er.

Ich rief an.  Da saßen wir und hörten, wie Free Rington Halloween aus dem gleichnamigen Horrorschocker die Andacht zerschnitt.  Michael Myers in unserer Vorstadtidylle, so nett. In der Sekunde war klar: Da hilft nur eines – der Gegenangriff. Sofort fütterte ich mein Handy mit US-Polizei-Sirenenton sowie Rülpsen 2 und ließ mich von der Tochter 20 Mal hintereinander anrufen, während er sich gerade zum  Sportschauen zurückgezogen hatte. Zwei Stunden später raunte die Mondscheinsonate aus seinem Telefon. Da erinnerte ich mich an einen Spruch von Marie von Ebner-Eschenbach: Siege, aber triumphiere nicht.   Und sagte nur: Schön ist das, Schatzi.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 14. 7., Summerstage; 30. 9.,
26. 10. und 11. 11., Rabenhof; 3. 10. Bettfedernfabrik

E-Mail: [email protected]

Facebook: gabriele.kuhn / facebook.com/GabrieleKuhn60

 

ER

Es handelte sich selbstverständlich um eine eheliche Kampagne. Eine Klingelton-Verunglimpfung übelster Art. Die Liebste wollte von jedem Menschen, einerlei ob wohlbekannt oder völlig fremd, wissen, was von meiner Handy-Musikwahl zu halten ist. Allerdings formulierte sie ihre Sehnsucht nach Auskunft keinesfalls wertneutral, um ein seriöses Umfrageergebnis zu erhalten. Stattdessen lieferte sie die Antwort gleich mit, im Stil von: „Und, wie findest du Michaels irrwitzigen Klingelton … eh auch so unerträglich wie ich?“ Wer kann dazu schon Nein sagen? Also wuchs der Druck auf meine Klangwelt, und ich verwarf aus Rücksichtnahme auf die äußerst zarte Kuhn-Seele die Idee, ein fetziges Gitarren-Riff von Iron Maiden, Motörhead oder Slayer zu installieren. Heavy Metal war leider nicht einmal in unserer wildesten Was-kostet-die-Welt-Zeit ein Puzzlestein für das große Bild der Leidenschaft.

Dem Wahnsinn nahe

Daher begab ich mich als Töngeist in den Tiefen des Akkorde-Labyrinths auf jene Musiksuche, die ich längst für beendet erachtet hatte. Im Rahmen dieser Recherchen begleitete mich natürlich als ganz große Hilfe meine Frau – freilich, ohne von mir darum gebeten worden zu sein. Ihr wurscht, Hauptsache, ich werde so angerufen, dass sie nicht betonen muss, wie nahe sie dem Wahnsinn schon sei. Folglich schickte sie mir im Minutentakt Vorschläge, und zwar aus der Abteilung „Kuschelrock“. Ergänzt um Links, die sich „Super Happy Songs“ nennen, oder „Liebeslieder, für die man sich nicht schämen muss.“

Wer in so einer Situation nicht mit der Titelmelodie von „Halloween“, „Das Omen“ oder „Der Exorzist“ Zeichen des Widerstands setzt, landet irgendwann unter Verlust jeder Würde bei „Ballade Pour Adeline“ von Richard Clayderman. Und riskiert, dass sich das sensible Handy selbst zerstört. Womit aber zumindest der Ehefrieden gesichert wäre.

E-Mail: [email protected]

Facebook: facebook.com/michael.hufnagl9