© Jeff Mangione

Paaradox
08/25/2019

Paaradox: Verbotene Wort-Schätze

Wir reden viel, wenn der Tag lang ist. Die Frage ist, was wir noch hören. Oder: Was wir nach vielen Ehe-Jahren nicht mehr hören wollen.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Zu wissen, was gesagt werden darf – und was nicht: Auch darauf beruht eine halbwegs gute Beziehung. Und so existiert bei uns eine Art Lexikon verbaler Fauxpas – Motto: Behalt’s besser für dich! Interessant: Niemand von uns hat das je in ein Druckwerk gegossen oder gar in einer „Verbotene-Wortschätze“-Liste festgelegt. Trotzdem wissen wir genau, was geht und vor allem: was nicht.

Übersäuert

Zum Beispiel das Hauptwort „Schaufensterbummel“. Der Mann nebenan verwechselt es gerne mit „Schaufensterkrankheit“ (die es wirklich gibt). Alleine davon zu lesen, löst bei ihm Beklemmung aus – und ausgeprägte Übersäuerung in sämtlichen Organen (aber auch in der Gesichtsmuskulatur). Ebenso ergeht es ihm mit dem Begriff „Samstagsnachmittagsjause“. Warum? Ganz einfach: Weil er weiß, dass damit der gefürchtete Bundesliga-Bingewatching-Zerstörmechanismus in Gang gesetzt wird, so leise können die Gäste gar nicht an ihrem Milchkaffee nippen. Ui, schon hat er das Eigentor bei „Zwickau gegen Uerdingen“ verpasst. Was bei uns ebenfalls nur dezent oder nicht ausgesprochen werden sollte: das Wort „Gemüsevorrat“. Es verursacht bei ihm Krämpfe sowie das Bedürfnis, sich schwallartig zu übergeben. Die zweifache Wiederholung des Begriffs innerhalb von 10 Tagen löst beim Scheidungsmediator unseres Vertrauens einen Fernalarm aus, wir bekommen dann per Mail drei Terminvorschläge zugeschickt. Hufi hält es da gerne mit Novalis: Jedes Wort ist ein Wort der Beschwörung. Welcher Geist ruft – ein solcher erscheint. Dieser Tage wurde die Liste verbalen Grauens um ein neues Wort ergänzt, das bei mir leises Entzücken auslöste: „Christmas Pre-Shopping“. Was dann geschah, lesen Sie nächsten Sonntag.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11., Rabenhoftheater; 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10., Burg Perchtoldsdorf

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ER

Menschen,  die in langjährigen Partnerschaften leben, wissen, dass man einer Liste der heiklen Begriffe fast täglich beim Wachsen zusehen kann. So hat meine Frau in ihrer Aufzählung z. B. das Wort „Wetter-App“ vergessen. Aber vielleicht ahnt sie gar nicht, wie narrisch mich ihr Surfen auf zig verschiedenen Vorhersageseiten machen kann, bereichert durch selbst entwickelte Temperaturabwägeverfahren, Wolkeninterpretationslogistik und Sonnenwahrscheinlichkeitsanalysen – wehe dem, der dann sagt: „Ist doch völlig wurscht, du sitzt so oder so den ganzen Tag im Büro.“

Dauerzwinkern

Umgekehrt kann ich sicher sein, dass die Liebste augenblicklich den Zappel-Modus aktiviert, sobald ich – eh vorsichtig – „Open End“ in den Mund nehme.  Denn kaum etwas fürchtet sie in Anbetracht von Besuchen in geselligen Runden so sehr wie einen in bester Plauderlaune  befindlichen Ehemann, mit dem es trotz Dauerzwinkern und Schienbeinattacken kein Heimkommen gibt. Daher will sie („Ich brauch’ halt meinen Schlaf“)immer schon bei der Anreise den Abreisezeitpunkt festlegen, um meinem „Schauen wir mal, wie lustig es wird“ zuvorzukommen. Ähnlich unrund wird sie bei „Major-Highlight“, weil es sich da um die stundenlange Übertragung eines Golf-Turniers handelt. Die trotz ihrer profunden Auseinandersetzung mit der Materie („Bist du deppert, ist das fad“) meine Aufnahmefähigkeit für Wichtigkeiten  wie „Die Küchenrolle kann hier unmöglich stehen bleiben“ einschränkt. Aber das ist alles nix gegen das gefürchtete „Heimwerkerhufi“. Denn diese Ansage garantiert gnä Kuhn  in jedem Fall nicht nur Bausünden aller Art, sondern in erster Linie Flüche in bester Bierkutscher-Tradition. Weshalb es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie endlich sagt: „Magst nicht lieber Golf schauen?“

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 24. 10. Wien (Alt Erlaa), 12. 11. Wien (Martinschlössl), 20. 11. Wien (Haus des Meeres)

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