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Paaradox
09/29/2019

Paaradox: Verdachtsmomente

Eines Tages geschah, was nie geschieht, nämlich eine Erledigung ohne vorangegangene Aufforderung. Das wirft natürlich Fragen auf.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Sie

Es ist etwas passiert: Die Gartendusche ist futsch. Ein Schock, damit habe ich nicht gerechnet. Wie Sie als Leser dieser Kolumne vielleicht wissen, ist das Ding für uns sowas wie die nicht zugeschraubte Zahnpastatube für andere. Ein Symbol für Zwist, Hader und die große Frage: „Warum hast du schon wieder nicht…?“ Also habe ich darüber nachgedacht, was geschehen sein könnte: Hat sich die Dusche dematerialisiert? Wurde sie von einem Gartenduschen-Einschleichdieb entwendet? Waren Wildschweine da und haben sie gefressen? Oder habe ich mir das nur eingebildet und es gibt gar keine Gartendusche in meinem Leben – alles nur geträumt?

Was ist nur los mit ihm?

Der Mann nebenan sah mir beim Denken zu und stellte mir dann jene Frage, die normalerweise ich immer stelle: Woran denkst du? Nächster Schock, bitte, was ist nur mit ihm los? Ich: An unsere Gartendusche. Aber warum fragst du? Darauf er: Die habe ich weggeräumt. Und warum soll ich nicht fragen? Ich: Weil du mich nie fragst. Außerdem ist komisch, dass du die Dusche einfach so wegräumst, ohne von mir 40 Mal aufgefordert zu werden. Das ist sehr verdächtig. Zumal folgendes, ungeschriebene Gesetz gilt: „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Seine Frau sagt ihm, was das ist.“ Nun sagte er: Wie ich’s mach’, ist es falsch. Frag’ ich nicht, ist das fragwürdig. Frag’ ich schon, ist es auch fragwürdig. Räum’ ich die Dusche weg… ach was! Ich geh’ mich jetzt beim Rasenmähen abregen. Ich: Aha. Rasenmähen gehst jetzt auch noch, ohne dass ich dich dazu aufgefordert habe. Na servas, du musst aber ein schlechtes Gewissen haben, gib’s endlich zu! Zwei Stunden später waren die Halme schön, dafür stand die Dusche wieder da. Besser?, fragte der Mann nebenan und lächelte. Anschließend duschten wir glücklich in den Herbst hinein.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11. im Rabenhof, 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10. Burg Perchtoldsdorf. 12. 10. Tischlerei Melk

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Er

Unlängst erzählte uns eine wunderbare Frau, sie würde in Zukunft verstärkt als Kojotin durchs Leben spazieren. Eine Metamorphose, die sie auch anderen Menschen empfehlen könne. Der Kojote ist in der indianischen Mythologie der heilige Narr, der für Verrücktheit und Spontanität steht, wie auch für Weisheit und die Kunst der Veränderung. So möge er als strategischer Pfiffikus immer wieder das Gegenteil von dem tun, was von ihm erwartet wird. Als ich das vernahm, fasste ich den kojotischen Entschluss zu herbstlicher Verblüffung. Antizipation ist in einer Ehe ja Gold wert. In diesem Sinne ist es ein exzellenter Plan, Dinge zu erledigen, noch ehe das erste Könntest du?, Meinst du nicht, man sollte? oder Pfuh, es gibt ständig so viel zu tun! erklingt.

Die Versuchung

Also räumte ich in einer heimlichen Kommandoaktion (die innere Stimme befiehlt, ich gehorche) Gartendusche, Sonnenschirm und Holzliege flugs in den Keller. Und wartete. Stunden. Tage. Eine gefühlte Ewigkeit. Der schwierigste Part meiner SoKo Heiliger Narr. Der Versuchung zu widerstehen, gnä Kuhn gespielt teilnahmslos zwischen Morgendusche und Kaffeemachen vor die Augen zu treten, um ihr als Abschleppdienstnehmer lässig Vollzugsmeldungen zu offenbaren. Stattdessen musste ich schweigen, um dann später den Anschein erwecken zu können, derlei Aktionismus sei für einen ehelich geprüften Packesel weder einer Erinnerung noch der Rede wert. Aber ich wurde belohnt. Allein der fragende Blick der Liebsten, als sie die Abwesenheit der Gartendusche entdeckte und gut sichtbar Weltverschwörungstheorien und Alieninvasionsgedanken entwickelte, war mir die indianische Raffinesse wert. Wichtig ist jetzt nur, dass sie meinen Tatendrang nicht als Selbstverständlichkeit begreift. Aber mein Kojote ist bereits alarmiert.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 12. 11. Wien (Martinschlössl), 20. 11. Wien (Haus des Meeres), 9. 12. Wien (Studio Akzent)

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