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Paaradox
10/20/2019

Paaradox: Wein oder nicht Wein

Sie nennt es Flaschenfimmel, er nennt es Sammelleidenschaft – und wehe, im Keller fehlt plötzlich ein wertvolles Tröpfchen!

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Unlängst erinnerte ich mich an einen der bösesten Witze, die ich je gehört habe, der geht so (die Herren bitte tapfer sein): Sitzt ein Kind in der Badewanne und sagt: ,Mami, wo ist der Waschlappen?. Mami antwortet: ,Der ist nur schnell Zigaretten holen.’“ Ähem. Vermutlich habe ich daran gedacht, weil ich dankbar bin. Dafür, dass der Mann nebenan 2012 aufgehört hat, zu rauchen. 75.000 nicht gepofelte Tschicks, großartige Leistung, Hufnagl, echt jetzt. Auf uns umgelegt, müsste ich die Wo-ist-der-Waschlappen?-Frage daher jetzt so beantworten: Der ist im Keller.

Schmusen mit Flaschen

Was er da macht? Flaschen zählen, Flaschen in die Hand nehmen, zärtlich betrachten, allenfalls streicheln. Flaschen umschlichten, fotografieren, dokumentieren. Kann auch sein, dass er mit einer schmust, kommt auf den Jahrgang an. Ja, der Gute hat einen FF, einen Flaschenfimmel, genauer gesagt einen WFF, einen Weinflaschenfimmel. Das hat mitunter Züge ins Neurotische. Weil es für Laien wie mich streng verboten ist, in dieses Reich einzudringen. Mein Ich hol’ schnell Rotwein von unten! löst bei ihm Schnappatmung aus. Meine Fla…, äh, mein Wein-Begleiter wirft sich dann zwischen mich und die Eingangstür: Stoppstoppstopp! Worauf er eineinhalb Stunden abtaucht, um abzuwägen, welch edler Tropfen die Schinkenfleckerl am besten unterstreicht. Da tobt ein Merlot-versus-Muskateller-Machtkampf in ihm. Ich sag dann gerne, nur um ihn zu ärgern: Du, ein Valpolitscheller hätt’s auch getan. Apropos: Unlängst waren wir weg, la Tochter lud Freunde ein und kredenzte Wein aus Papas Keller, den man heiter mit Zitronensoda mischte. Tags darauf fand Paps das leere Gebinde seines Jahrgangsrieslings – und verschwand erneut im Keller. Diesmal, um zu weinen.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 26. 10. & 11. 11. im Rabenhof; 14. 11. Himberg, 23. 11. Neusiedl, 30. 11. Klosterneuburg, 7. 12. Vöcklabruck.

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ER

Das gute Kind benötigt für die kleine Freunde-Runde also tatsächlich ein Flascherl Wein und spaziert daher zum Keller-Kühlschrank, wo eine Menge „von dem Zeugs“ gelagert ist. Allerdings ist die Auswahl groß, und so viel Instinkt besitzt meine geliebte Party-Maus dann schon, dass sie zu überlegen beginnt, welcher Bouteillen-Verlust den Papi wohl am wenigsten schmerzen würde. Leider hat sie sich nicht ausgiebig genug mit den Tropfen beschäftigt, um die Kriterien zur Beantwortung ihrer heiklen Frage zufriedenstellend zu definieren. Stattdessen entscheidet sie sich für die Erklärung: „Ich habe einfach geschaut, wo es mehrere gleiche Etiketten gibt.“ Das ist fast schon rührend. Weil in ihrer Welt  sechs Flaschen eines Winzers bereits Vielfalt bedeuten, völlig unabhängig davon, welche Rebsorte, Qualitätsstufe, Lage oder Jahreszahl draufsteht. Und so erfreut sich die muntere Freundeschar am G’spritzten, während mir am Tag darauf nur eine Frage in den Kopf schießt: „Mein Herzilein, bist du von allen guten Weingeistern verlassen?“

Spitzfindigkeit

Gnä Kuhn fand den Selbstbedienungsanfall der Tochter im Übrigen auch „nicht ganz ok“, zu mehr Empörung reichte es aber nicht. Lieber riet sie mir, nachdem ich einen (wie ich meine, höchst spitzfindig formulierten) Grundsatzvortrag gehalten hatte, ich möge doch bittesehr „nicht so ein G’schiss“ machen. Ich erinnerte die Liebste daran, dass genau dieses G’schiss zuverlässig für ihren wahren Weingenuss zu Gerichten aller Art (Gemüsepfannen inklusive) verantwortlich ist.   Ihr fiel dazu nicht mehr ein als: „Ein bissi ein Neurotiker bist du schon, gell?“ Ich sagte nix mehr. Aber wenn sie beim Familienfest heute zu ihrem Bœuf bourguignon ein Achterl Drachenblut  kredenzt bekommt, wird ihr Blick meine Rache sein.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 20. 11. Wien (Haus des Meeres), 9. 12. Wien (Studio Akzent)

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