© Kurier/Jeff Mangione

Paaradox
01/12/2020

Paaradox: Wie isses?

Er verreist, und sie bleibt da. Was sie verbindet, ist eine mitunter sonderbare Kommunikation mit fragwürdigem Klärungsbedarf.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Eine kluge Person, deren Name mir gerade nicht einfallen will, hat einmal gesagt, dass es für die Ehe gut sei, wenn beide ein bisschen unverheiratet bleiben. So betrachtet war ich nicht unfroh, als sich nach den beziehungstechnisch recht dichten Weihnachtstagen hinter dem Mann nebenan die Tür schloss und er aufbrach, um sich hunderte Kilometer von mir zu entfernen. Geschäftsreise  nennt sich sowas.

Mich. Und sonst nix.

Da stand ich, hörte das tiefe Atmen des Hundes nebenan, und fühlte mich…  gar nicht allein.  Ich hatte ja mich. Und Gustav. Und mich. Und sonst nix. Herrlich. Doch bereits 30 Minuten nach seiner Abfahrt erreichte mich eine erste Nachricht von ihm, samt Foto: Bin jetzt tanken und Schokolade für die Fahrt kaufen. Ich antwortete: Spannend!  Weitere 50 Minuten später sein Anruf, um mir detailreich zu schildern, wie irre leer die Autobahn nicht wäre,  welche Symphonie er hört und dass sich die Sitzheizung auf Dauer lustig anfühle. Ich hörte zu und sagte: Ja.  So ging das weiter – zu fast jedem seiner  Befindlichkeiten und Erlebnisse folgte ein umfassendes Ein Mann bricht auf, um  zu arbeiten-Bulletin. Sehr rasch stauten sich auf meinem Handy 35 Fotonachrichten plus Status-Updates: Der lodernde Kamin aus der Hotellobby mit einem Sehr gemütlich, gell?, ein Schnappschuss vom Bett mit Schön, aber Zimmer ein bissi überheizt, der Blick vom Balkon mit  strahlendem Sonnenschein und einem Wetter fantastisch, gefolgt von zahlreichen Foodporn-Aufnahmen: Essen jetzt Strudel. Essen Steak. Trinken  sehr guten Rotwein. Probieren jetzt Schnaps. Und weiter ging der Nachrichtenfuror: Ping. Ding. Ring. Irgendwann schickte auch ich – entnervt – ein Foto: Meine Füße in Schlafsocken, samt folgender Nachricht: Du hattest einen wirklich harten Tag, mein Schatz. Ich gehe jetzt für dich schlafen.

Unser Kabarett: 27. 1., 23. 2., 9. 5., Rabenhof; 27. 3. Mödling, 28. 3. Langenlois.

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ER

ErIch habe mir schon oft darüber Gedanken gemacht, ob es tatsächlich vorteilhaft ist, im gleichen Beruf tätig zu sein wie meine Frau. Oder ob es zwecks Verhinderung stundenlanger überbordender Fachgespräche nicht angenehmer wäre, würde ich ein Geschäft für Bastelbedarf führen, während sie als Bilanzbuchhalterin einer Versicherung Geld verdient (in Anbetracht ihrer vielen mathematischen Nahtoderfahrungen eine ganz besonders erheiternde Vorstellung). So aber besitzt unsere Schnittmenge als Ehepaar maximale Ausmaße mit oftmals abenteuerlichen Detailexzessen. Was freilich vor allem an gnä Kuhn liegt, die bei einer Weltmeisterschaft für unerschütterliche Fragenvielfalt garantiert Top-Favoritin auf eine Medaille wäre. Heißt: Sie ist  über mein höchst umfangreiches Arbeitsleben zwangsläufig bestens   informiert, was ihrer Erkundungsgier nicht nur Türen, sondern wahre Palasttore öffnet.

???

Ich bin in der Früh noch nicht einmal  im Büro angekommen, fallen ihr schon die ersten sieben bis neun Fragen ein, die sie zuvor beim gemeinsamen Frühstück leider vergessen hat,  zu stellen, und die sie dringend augenblicklich telefonisch klären muss. Wann ist der Termin? Wer ist dabei? Wirst du eh sagen, dass ...? Und dieses, hm, nennen wir’s ausufernde Interesse pflanzt sich den ganzen Tag fort. Die drei wichtigsten WhatsApp-Fragen lauten: 1. Und? 2. Alles gut? 3. Wie isses? Und wehe, ich schenke mir für die Antworten zu viel Zeit (also mehr als zehn Minuten), dann lese ich schon: 1. Stress? 2. Nur kurz, wie geht’s? 3. ??? Daher habe ich die letzte Dienstreise für ein Experiment genutzt: Einen ganzen Tag lang antworten, ehe die Fragen eintrudeln. Das hat mir viel Spaß gemacht, die Liebste hingegen irgendwie irritiert.    Und damit ist mein Bastelbedarf an Erkenntnis durchaus gestillt.

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Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 23. 1. Wien (Prateralm), 13. 3. Bad Fischau (Schloss).