Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl

© Jeff Mangione

Paaradox
09/22/2019

Papas Tapas

Der Ausflug in eine spanische Stadt hätte so schön sein können, wäre da nicht ein leerer Bauch gewesen. Und zu viel Gemüse auf dem Teller.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Sie

Möglicherweise hatte der Mann nebenan zu viel Sonne erwischt, vielleicht war es der andalusische Wind. Nur so ist zu erklären, warum er lässig zurückgelehnt „Muchas Tapas“ bestellte, ohne gut nachzudenken. Kurz darauf servierten zwei junge Herren viele Teller mit vielen Sachen drauf, die wir nicht gleich identifizieren konnten. Offensichtlich war nur, dass es sich um vegetarische Spezialitäten handelte. Das fanden die Tochter und ich sehr super. Er nicht so.

„Gehört euch!“

Zunächst begann er das Gebotene mit gekräuseltem Nasenrücken und in Falten gelegte Stirn zu inspizieren: „Wos is des?“ Wir so: „Schaut aus wie frittierte Frischkäsebällchen und Oliven.“ Er so: „Ich mag weder Frischkäse noch Oliven. Gehört euch.“ Nun nahm er die nächste Spezialität ins Visier: „Und wos is des?“ Wir: „Pimientos de Padrón!“ Er: „Aha. Wie schmecken die?“ Wir: „Herrlich. Musst du kosten!“ Er: „Hm, lieber nicht, die sind mir zu grün.“ Nächster Teller: Mini-Paprika mit Käse und Spinat. Er: „Wäh.“ Wir: „Jö!“ Er: „Lasst es euch ruhig schmecken.“ Schließlich sein Griff in die Schüssel mit Melanzaniröllchen. Sein Gesicht mutierte in Zeitlupe zur Grimasse, als hätte man ihm frittierte Spinnen serviert: „Jössas, ich dachte, das wäre was mit Wurst!“ Ich: „Nö sind Melanzani“. Er: „Um Gottes willen, das habe ich jetzt im Mund? Den Rest müsst ihr essen.“ Sprach’s und spülte mit Wein nach. Die Tochter und ich aßen alles auf, dann rief unser Gourmet. „La cuenta por favor!“, zahlte und erhob sich. Der nun folgende Bummel durch diese Stadt hätte schön sein können, wäre da nicht dieser schwächelnde Typ an unserer Seite gewesen, der nonstop murmelte: Mein Kreislauf, das muss der Hunger sein!“

Wie gut, dass wir bald über ein Schinkenbein stolperten.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11. im Rabenhof,

3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10. Burg Perchtoldsdorf. 12. 10. Tischlerei Melk

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Er

Gleich vorweg eine wesentliche Berichtigung (wie es in einem Wahlkampf nach bewusst verbreiteten Falschmeldungen üblich ist): Ja, ich habe in der netten Bar im Herzen Granadas tatsächlich von einer großen Menge Tapas fantasiert. Die Bestellung jedoch nahmen Frau und Tochter vor, während ich auf dem WC war. Eine spätere Rekonstruktion dieses folgenschweren Ereignisses sollte ergeben, dass die beiden vom Camarero ihres Vertrauens offensichtlich gefragt wurden, welches der angebotenen Tapas-Arrangements sie denn bevorzugen würden. Aber leider konnten meine Herzdamen den Ausführungen in flott-schlampigen Spanisch nicht ganz folgen. Was dazu führte, dass sie sich ohne lange Debatten am Ende für „el plato saludable“ entschieden. Und schon war ich wenig später mit eben diesem gesunden Teller konfrontiert, auf dem ernsthaft nicht einmal Spurenelemente von Chorizo, Lomo embuchado oder Jamón Ibérico zu finden waren.

Schlechte Laune

Und ein Tapas-Lokal  ohne  Schinken und Wurst ist wie ein Tapas-Lokal ohne Schinken und Wurst ... also der völlige Irrsinn. Allerdings haben das gnä Kuhn und ihre junge Melanzani-Komplizin mir zum Trotz völlig gleichmütig zur Kenntnis genommen, während sie die Paradeiser-Variation frohlockend verkosteten. Auf meine Laune hatte das freilich üble Auswirkungen. Denn als ich empört den Wunsch äußerte, noch einen plato saludable Marke Hufi, also mit einem supersinnlichen Serrano-Sortiment, zu ordern, da riefen die Frauen: „Keine Zeit mehr!“ Erst viel später, als das Duo im Geschäft für andalusische Keramikkunst verschwand, konnte ich mich endlich in eine neue Bar davonstehlen. Und was soll ich sagen? Ich bestellte „un plato de pecado“, einen Teller der Sünde. Und wollte für immer bleiben.


Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 12. 11. Wien (Martinschlössl), 20. 11. Wien (Haus des Meeres), 9. 12. Wien (Studio Akzent)  

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