© Jeff Mangione

Paaradox
07/21/2019

Unser Brief-Los

Die Post ist da! Konfliktpotenzial, weil sie sofort in Alarmbereitschaft versetzt und er zur völligen Ignoranz verleitet wird.

SIE

Gibt es so etwas wie eine Brieföffnungsphobie? Bitte, ich frage für einen Freund. Könnte aber auch sein, dass der Mann nebenan daran leidet. Da liegen sie, die Poststücke vergangener Wochen: Wer will uns? Täglich spaziert er an dem wachsenden Stapel vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen – Motto: Was ich nicht sehe, ist nicht da. So als könnte sich Materie durch beharrliches Ignorieren in Antimaterie verwandeln.

Hufnagl ohne „e“

Ein bisserl kindisch. Einzig als er unlängst sah, dass auf einem der Kuverts ein An Michael Hufnagel stand, wachte er aus seinem post-traumatischen Zustand auf: Hufnagl ohne E, heast! Interessant wäre ja gewesen, die Depesche zu öffnen, um nachzusehen, wer der Hufnagl-mit-E-Missetäter gewesen sein könnte. Aber nix da. Ein Fall von Brief-Los, vermutlich was aus der Kindheit oder Jugend. Vielleicht hat er sich beim „Stille Post“-Spielen blöd angestellt und wurde dafür gehänselt. Oder er hat es bis heute nicht verkraftet, dass er nach dem ersten Kuss dieses rosarote Briefchen erhalten hatte, in dem stand: Lieber Michi, ich geh jetzt mit dem Alex. Oh ja, das kann sensible Gemüter prägen. Außerdem sind Phobien menschlich. Erst unlängst hörte ich von einem Mann, der an Arachibutyrophobie leidet: der Angst, dass Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt. Daher sagte ich dieser Tage sanft: Schatz, du hast wieder Post bekommen, magst du sie ganz langsam gemeinsam mit mir öffnen und dabei tief atmen? Da schaute er erst erstaunt, dann sagte er: Ja. Es war dieses komische Ja, von dem ich genau weiß, was es bedeutet, nämlich: nein, lass mich einfach in Ruh’. Das aber ist eine andere Geschichte, und die werde ich Ihnen wohl nächste Woche erzählen müssen.

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11., Rabenhoftheater; 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10., Burg Perchtoldsdorf

ER

Gibt es so etwas wie eine Brieföffnungsneurose? Ich bin ganz sicher. Und ich kenne jemanden, den ich auf der Stelle zum therapeutischen Sesselkreis mit dem Thema Warum sich ungeöffnete Kuverts nicht über Nacht in Dämonen verwandeln! schicken würde. Gnä Kuhn gehört nämlich zu jener Art Frau, die es nicht schafft, einen Stapel Post vom Briefkasten bis zum Wohnzimmertisch zu transportieren, ohne auf dem endlos erscheinenden Weg bereits die ersten Kuverts zu öffnen. So wie sie noch nie in ihrem Leben ein Baguette nach Hause gebracht hat, ohne zuvor ein Eck (bei sehr großer Gier sogar beide Ecken) abgebissen zu haben ... aber das ist eine andere durchaus empörende Geschichte.

Prioritäten

Dennoch ist es lohnenswert, sich mit so manchen Eigenheiten der  Partnerin zu arrangieren, zumal die Alternative des Wahnsinnigwerdens keine Vision ist. In diesem Sinne habe ich mich daran gewöhnt, dass die Liebste unmittelbar nach einer Urlaubswoche (hallo, das sind bitteschön sieben quälende Tage ohne Postzufuhr) zuerst einmal im Raum steht und blättert und sortiert und reißt und öffnet und liest. Da kann der schleppende Ehemann noch so sehr unter der Kofferlast stöhnen, der Hund nach Wasser winseln, die Wohnung nach Lüftung lechzen.  Soll so sein. Das Problem ist nur, dass es in ihrer kleinen, dunklen, sonderbaren Welt der Brieffreundschaft undenkbar ist, dass sich nicht alle Menschen dem Sofortismus Untertan machen. Heißt: Mein Argument, dass ich es –  seit ich der Kuvertöffnung mächtig bin – noch nie bereut habe, einen Brief ein paar Tage oder Wochen gut abliegen zu lassen, empfindet sie als Provokation. Daher fleht sie mich (mit ihrem unwiderstehlichen Existenzrettungsgesicht) regelmäßig an, dass sie  auch meine Schriftstücke begutachten darf. Und im Idealfall entdeckt sie dann ... welch’ Triumph ... eine Mahnung. Dann sage ich „Oha“, und unser Leben geht weiter.

michael.hufnagl / facebook.com/michael.hufnagl9