© Kurier/Jeff Mangione

Paaradox
08/04/2019

Wieder da!

Über die Herausforderung ihres Heimkommens: Sie hat den Blick für Recht und Ordnung. Er hat den Blick für ihren Blick.

SIE

Das Ankommen nach dem Wegsein (allein) hat  was von einem Psychothriller. Auf 1000 Meter Flughöhe, knapp vor der Landung auf dem Boden der Realität, tun sich Fragen auf, gepaart mit einem komischen Bauchgefühl: Wie viele Topfpflanzen wurden diesmal durch Nicht-Gießen in den Topfpflanzenhimmel befördert? Wie groß ist das Hundehaarknäuelmonster hinter der Wohnungstür  wirklich? Wie schaut’s in der Küche aus? Und was wird der Mann nebenan alles an unglaublich komplizierten Geschichten erfinden, warum alles so gekommen ist, wie es kommen musste, weil: Er nix böse, er guter und ordentlicher Mann. Außerdem: Es war  nur der Wind, das Kind oder das Rumpelstilzchen.  

Chillig, aber sonst nix

Apropos Kind: La Tochter begrüßt mich mit einem  So gut Mama, dass du wieder da bist! Dann schmelze ich zwar, aber nicht ohne zu fragen, was sie damit genau meint. Da sagt sie: Weißt, mit dem Papa ist es zwar in jeder Hinsicht chilliger, aber du bringst halt immer die guten, gesunden Sachen vom Einkaufen heim. Und dann deutet sie auf den Proviant, der  auf dem Küchenkastl steht: ein Stück Germstriezel, das zwar aussieht wie von Bäckerhand geflochten, vermutlich aber das Ergebnis irgendeiner komplizierten chemischen Germstriezelformel ist. Eine halbe Ketchupflasche. Zwei Dosen Suppe. Sowie zwei angerissene Packerln Sportgummi. Und wo ist das Obst und das Gemüse?, frage ich  und reiße den Eiskasten auf. Darin liegt nichts als ein Radieschen, das  Botox vertragen würde. Und es ist, als würde der Mann nebenan  flüstern: Ach wie gut, dass niemand weiß… Doch vermutlich habe ich  alles nur geträumt. Ich brauch’ wohl dringend eine Auszeit (ohne Mann, ohne Eiskasten).

Lesekabarett „Schatzi, geht’s noch?“: 30. 9., 26. 10. & 11. 11., Rabenhoftheater; 3. 10. Bettfedernfabrik, 11. 10., Burg Perchtoldsdorf

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ER

Ich gestehe, dass  mich die Rückkehr meiner Frau nach längerer Absenz in leichte Nervosität versetzt. Nach so vielen gemeinsamen Jahren kenne ich diesen Gesichtsausdruck, der im Bedarfsfall zwischen Darf das wahr sein? und Kaum bin ich nicht da! oszilliert. Also überprüfe ich die Wohnung als Präventivmaßnahme gegen Augenrollen noch einmal kurz vor ihrem Eintreffen generalstabsmäßig, ob die Spuren meiner Heimpflege-Verantwortung  Anlass zu Grundsatzdebatten sein könnten. Ist das Waschbecken frei von Zahnpastaresten? Sind die siebzehn Polster auf der Couch wieder in Reih’ und Glied adrett arrangiert? Habe ich die Erdnusslocken eh aufgegessen, um einen Ernährungsvortrag zu vermeiden?

Pädagogische Monologe

Mit Adlerblick streife ich durchs Revier, im Bemühen, mich in gnä Kuhn und ihr Verständnis von Wohlbefinden hineinzuversetzen. So, wie sie es in ihren pädagogischen Monologen gerne einfordert: „Um tatsächlich zu verstehen, ist es wichtig, in den Schuhen des anderen zu gehen“. Na genau. Ich sage dann „Eh, Schatzi“ und murmle vor mich hin: „Wenn ich das nächste Mal Bundesliga-Konferenz schaue, werde ich dir wortlos ein Paar Fußballschuhe überreichen“. Die Tochter zeigt sich jedenfalls ein Anbetracht meiner Revitalisierung zur Rettung der Mami-Laune amüsiert und spricht: „Tja, Ende der Anarchie. Schade irgendwie. Hat Spaß gemacht.“ Um mir bald darauf in den Rücken zu fallen, weil ich während der „unnormal (ihr aktuelles Lieblingswort) chilligen“ Zeit ihre Feta-Lust, ihr Zucchini-Begehr und ihr Oliven-Tomaten-Ciabatta-Verlangen nicht zur maximalen Zufriedenheit antizipiert habe. Dass sie die halbe Packung Erdnusslocken verdrückt hat, verschweigt sie. Mir egal. Ich umarme die heimgekehrte Liebste, entdecke im Augenwinkel ein nicht bezahltes Strafmandat und denke mir: Na und? Es lebe die Rebellion!

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