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Schlag-Zeilen
04/01/2019

Kurz will Bundeshymne ohne Text: "Echte Entlastung für die singende Bevölkerung"

Politisch korrekt: Bundeshymne ab jetzt rein instrumental. Nur die Zeile "Heimat bist du großen Sohnes" darf, wer mag, mitsingen

von Birgit Braunrath, Christine Karner

Die Regierungskoordinatoren gaben im Pressefoyer nach dem Ministerrat überraschend bekannt, dass die Kabinettsmitglieder ab sofort bei der Bundeshymne nicht mehr "Heimat großer Töchter und Söhne" singen dürften, da der Ideologie-Koordinator der Regierung, Andreas Gabalier, dringend davon abgeraten habe. Gabalier nannte als Begründung die Unvereinbarkeit der Begriffe "groß" und "Töchter".

Als Antwort darauf legte die Opposition empört einen Entschließungsantrag vor, demzufolge ab jetzt "Heimat großer Möchte-gern-Söhne" gesungen werden soll. Kanzler Kurz jedoch erklärte, ihm greife dieser Vorschlag zu kurz. Man werde eine überparteiliche, EU-weite Expertenkommission einsetzen und den gesamten Text prüfen lassen. Dabei scheint sich folgende Lösung abzuzeichnen.

"Heimat bist du großen Sohnes"

Der Text der ersten Strophe der österreichischen Bundeshymne lautet bis auf weiteres nur noch "Heimat bist du großen Sohnes." Alle weiteren Textzeilen müssen aus politischen, ideologischen, zeitgeistigen oder moralischen Gründen gestrichen werden.

Kein "Land der Berge"

Bei "Land der Berge" etwa liege "eine krasse Ungleichbehandlung des Burgenlandes" vor. In einer eigens einberufenen Landeshauptleutekonferenz wurde beraten, ob und welche Berge von den südlichen und westlichen Bundesländern an das Burgenland abgetreten werden könnten. Es kam allerdings zu keiner Einigung, weil Burgenlands Landeshauptmann Doskozil nicht von seiner Linie abwich, dass die Asylanträge der betreffenden Berge vom Burgenland negativ beschieden würden.

Doskozil: "Wir warten lieber, bis durch Gebirgsfaltung eigene burgenländische Dreitausender gewachsen sind." Bis dahin darf "Land der Berge" nicht gesungen werden.

"Land am Ökostrome"

"Land am Strome" soll dem Vernehmen nach aus kartellrechtlichen Gründen aus der Hymne entfernt werden. Man könne einerseits nicht so tun, als habe es eine Fusion sämtlicher Stromanbieter in Österreich gegeben, dies würde die EU-Wettbewerbshüter auf den Plan rufen, andererseits aber auch nicht einen Stromanbieter stellvertretend für alle herausheben, das wäre wettbewerbsverzerrend. Darüber hinaus müsse man im Jahr 2019 ohnehin "Land am Ökostrome" singen, was sich jedoch mit der Melodieführung nicht vereinbaren lasse und außerdem in einer unlösbaren Debatte münden würde, ob denn hundertprozentig ausgeschlossen werden könne, dass nicht auch ein winziger Anteil Atomstroms besungen würde. Bis auf weiteres darf "Land am Strome" nicht mehr gesungen werden.

Keine Äcker, keine Dome

"Land der Äcker" sei im Zeitalter der Agrarlobbys und der industriellen Landwirtschaft ein Anachronismus, der das erfolgreiche Bauernsterben schlichtweg ignoriere. Überdies hießen "Äcker" nunmehr "Anbauflächen". "Land der Anbauflächen" ließe sich aber mit der Melodieführung unmöglich vereinbaren. Somit zieht die Expertenkommission auch bei "Land der Äcker" den Stecker.

Die größten Vorbehalte gab es bei "Land der Dome": Ein Land, in dem jeder geplante Synagogen- oder Moscheenbau zu bürgerkriegsähnlichen Protesten führt, dürfe keine religiös konnotierten Baudenkmäler in seiner Hymne führen, so die Expertenkommission. Säkularismus bedeute, dass man zwar IN der Kirche die Bundehymne singen, jedoch nicht ÜBER die Kirche in der Bundehymne singen dürfe. "Land der Dome" wird daher ersatzlos gestrichen.

Ausgehämmert, aber gegenwartsreich

Heftige Diskussionen gab es auch um "Land der Hämmer". Während die linken Vertreter der Expertenkommission für "Hammer und Sichel" eintraten, plädierten die Mitte-Linken gendergerecht für "Hammer und Stricknadel". Beide Anträge wurden abgelehnt. Es hat sich ausgehämmert."Zukunftsreich" wird per Nationalratsbeschluss in "gegenwartsreich" geändert, und zwar, was die Parteienförderung betrifft. Es sei wichtig, im Hier und Jetzt in Saus und Braus zu leben. Niemand könne ernsthaft wollen, dass Österreich in einer fernen Zukunft reich sei, in der dann womöglich schon längst eine andere Regierung am Geldhahn sitzt. Daher werde die Parteienförderung ab sofort Jahr für Jahr angehoben und der Begriff "zukunftsreich" ersatzlos aus der Hymne gestrichen.

Große Söhne?

Der Satz "Heimat bist du großer Söhne" soll wieder eingeführt – und auch gesungen – werden. Im Innenministerium sieht man das allerdings kritisch. Es werde geprüft, ob hier Diskriminierung aufgrund von Körpergröße vorliege. Die Variante "Heimat bist du kleiner Söhne" wurde kurz angedacht, jedoch von der Expertenkommission als "unangemessener Größenwahn Kleingewachsener" verworfen. Der Kanzler sprach daraufhin ein Machtwort und verfügte: "'Heimat bist du großen Sohnes' ist eine wasserdichte Lösung, zumindest, solange es mich gibt."

Und das Schöne?

Schließlich fiel auch die Zeile "Volk begnadet für das Schöne" einer Streichung mit realpolitischem Hintergrund zum Opfer. Denn: "Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen", so die Begründung der Regierung. Zusatz: "Schön, schön, schön sind wir sowieso."Und der Begriff "Gnade" sei mit dem Regierungsprogramm ohnehin nicht vereinbar.

Die Zeile "Vielgerühmtes Österreich" wäre beinahe erhalten geblieben, doch fand sich außer Ungarn und Polen EU-weit niemand, der das Rühmen übernehmen wollte. Im Gegenzug schlug die EU-Kommission (unter Verweis auf das laufende Vertragsverletzungsverfahren wegen der Indexierung der Familienbeihilfe) vor, die Textstelle nur unwesentlich zu ändern und "Vielgerügtes Österreich" zu singen. Diese Anregung schmetterte Ideologie-Koordinator Gabalier mit den Worten ab: "Hier rüge nur ich!"

Entlastung

Somit wird die österreichische Bundeshymne mit sofortiger Wirkung nur noch instrumental aufgeführt. Wer möchte, darf allerdings freiwillig die Zeile "Heimat bist du großen Sohnes" mitsingen. Der Bundeskanzler zeigte sich zufrieden mit der "fairen und guten Lösung im Sinne aller Beteiligten" und nannte diese "eine echte Entlastung der singenden Menschen in unserem Land" ... "und des hörenden kleinen Mannes", ergänzte der Vizekanzler.

Schweigehymne

Die Opposition wandte ein, dass eine Schweigehymne als Hymne auf den Schweigekanzler missverstanden werden könnte und daher abzulehnen sei. Der Kanzler ließ den Einwand nicht gelten und betonte einmal mehr "die Vorreiterrolle Österreichs auf dem Gebiet mutiger Reformen". Darauf angesprochen, dass eine Vorreiterrolle nicht erkennbar sei, da Spanien schon seit 250 Jahren eine Hymne ohne Text habe, erwiderte der Kanzler: "Ich werte es als großen Erfolg und als Bestätigung unserer visionären Regierungsarbeit, dass uns die Spanier das bereits vor einem Vierteljahrtausend nachgemacht haben."