Australien: Nur Platz 9 für die bizzarste Show des Abends

© AP / Sebastian Scheiner, KURIER-Fotomontage

TV-Tagebuch
05/18/2019

ESC-Protokoll: Der Lockruf des Unkeuschheitsgürtels

Zombie-Kindergarten, Mann mit Mond und Madonna als Königin der Nacht. Doppelconference von Birgit Braunrath und Guido Tartarotti für „KURIER mit Schlag“.

von Birgit Braunrath, Guido Tartarotti

In Tel Aviv wurde am Samstag fast so ausgelassen gefeiert wie auf dem Ballhausplatz. Singende Zahnärzte, zahlende Quotenoligarchen und ein abstürzender Vollmond: Israel hat Europa gezeigt, wie man Party macht. Den ESC 2019 gewannen die Niederlande vor Italien und Russland.

Malta

BRAUNRATH: Geräusche dringen aus einem Aquarium? Terrarium? Herbarium? Muss das sein? Die wären drinnen besser aufgehoben. Nicht alle Töne eignen sich für Freilandhaltung.

TARTAROTTI: Schaut aus wie eine Folge Spongebob Schwammkopf, nur leider mit Musik statt Spongebob.

Albanien

B: Die Frau hat im echten Leben ein Modelabel. Wieso tritt sie dann in einer ausgemusterten Aida-Klamotte vom albanischen Operndepot auf?

T: Eine Serienmörderin aus Shkodra, die im Rahmen ihres Resozialisierungsprogramms als Anna-Netrebko-Double in einem albanischen Opern-Porno mitspielt. Hat fest vor, nach dem ESC weiter zu morden, was aus musikalischer Sicht zu begrüßen ist.

B: Die belegt heuer beim inoffiziellen ESC-Königin-der-Nacht-Casting mit viel Glück gerade noch den letzten Platz. Dramatisch overdressed.

Tschechien

T: Drei Klassenbeste singen zum 53. Geburtstag ihres Religionslehrers ein Ständchen.

B: Was für eine Haribo-Truppe! Die dürften beim Gute-Laune-Tee zu hart überdosiert haben.

T: Sie nennen sich „Lake Malawi“. Als alternative Bandnamen standen auch zur Diskussion: Neusiedler See, Pazifischer Ozean, Rhein-Main-Donau-Kanal oder Mödlingbach.

B: Oder Kanarisches Meer. Schräge Vögel.

Lake Malawi

Deutschland

T: Das Lied heißt „Sisters“, was so viel bedeutet wie Schwestern, was daran liegt, dass sie Schwestern sind. Zum Glück sind sie nicht Cousinen dritten Grades oder Schwippschwager oder Wahlonkel ...

B: ... oder Wahlbetrüger ... oder Oligarchennichten. Aber wer weiß. Die Schwestern können die deutsche Vorausscheidung nur mit musikalischer Begleitung durch russisches Schwarzgeldgeklimper gewonnen haben. Natürlich mit Gudenus als Dolmetsch.

Russland

B: Apropos Russenmethoden: Ein russischer Ängste-Überwindungscoach brüllt auf der Bühne jede Menge Spiegel an. Das spart Backgroundpersonal und Gehörschutzwatte, denn Spiegel sind von Natur aus taub. Am Ende springen sie dann aber doch.

T: Jedenfalls braucht man einen ziemlichen Spiegel, um sein Lied zu überstehen. Er hat eine sehr schöne Gabalier-Frisur, möglicherweise ist es also Faschismus, das mit dem Spiegel gesagt zu haben. Sein Lied heißt „Scream“, das ist Russisch und heißt ins Deutsche übersetzt „Hulapalu“.

B: Glaub ich dir nicht. Bei Russischübersetzungen vertrau‘ ich nur dem Gudenus.

Dänemark

B: Zwei Hosenträger mit Lippenstift machen befremdliche Geräusche. Es wirken mit: zwei Leitern, wahrscheinlich für die hohen Töne.

T: Die mit dem grauen Stuhl. Sie war dänische Meisterin im Eiskunstlauf, leider läuft sie nicht Eis ...

B: ... oder davon. Sie klingt wie eine aufklappbare Glückwunschkarte mit Musik-Chip.

San Marino

B: Wie bitte? 176 mal „Na Na Na“ – und der Text wird im Hintergrund karaokemäßig eingeblendet? Für alle, die mitsingen wollen?

T: „Na Na Na“ bedeutet in San Marino so viel wie „Na Na Na“, ins Deutsche übersetzt jedoch „Na Na Na“.

B: Ja, eh, und auf Russisch "Heidi Horten". Du immer mit deiner Dolmetscherei!

T: Der Text ist eine schonungslose Abrechnung mit Walfang, der explodierenden Vegane-Pizza-Beschaffungskriminalität in den Straßen von Borgo Maggiore sowie schleichendem Zahnfleischschwund.

B: Apropos Zahnfleischschwund, der Sänger ist im echten Leben Zahnarzt. Er singt wie ein Zahnarzt, der versucht, wie Leonard Cohen zu singen. Dazu tanzt er wie Michael Jackson nach dem dritten Bandscheibenvorfall zu tanzen versucht hätte.

T: Aber als Österreicher ist man neidisch: In San Marino werden die Zahntechniker Popstars, nicht verhaltensuntragbare Ex-Vizekanzler.

Nordmazedonien

B: Ein Wunder! Die geborstenen Spiegel vom Russen sind wieder ganz.

T: Hollands schönste Knackwurst singt für Nordmazedonien. Ihr Lied heißt „Proud“, daher trägt sie ein Proudkleid. Am Ende schreit sie so laut, dass man es bis Ost-, West- und Südmazedonien hört.

B: Aber sie schreit sicherheitshalber das Publikum an und nicht die  Spiegel. Die bleiben diesmal ganz.

Schweden

T: Er war schwedischer Meister im Sprint, leider sprintet er nicht. Er singt einen Gospel-Song – denn er hat erkannt, dass seine Lieblingshantel Gott ist und er ihr dienen muss. Hat so viel trainiert, dass er nur noch mit seinen Brüsten tanzen kann.

B: Brüsten? Schultern! Diese hüpfenden Schultern sind mir ein Schwedenrätsel. Was soll das sein? Achselzucken für Schnappatmer? Tanztherapie bei Schultergürtelrose?

T: Und die Bundfaltenglanzhose (ist das nicht ein schönes Wort?), die wird sonst nur von Bond-Bösewichten in den Achtzigerjahren getragen.

B: Achtzigplusmode sozusagen.

Slowenien

B: Blutleere, menschenleere Bühne. Ist da jemand? Grüße aus Outerspaceistan.

T: Zwei Menschen und ein Keyboard, wobei das Keyboard den größten Aktionsradius hat. Das Keyboard wird jedoch nicht gespielt, es ist die glücklichste Person auf der Bühne, denn es muss nicht mitmachen.

B: Ein Talentescout hat den Mann von der Bühne weg als Wackeldackel für die Autohutablage engagiert. Und die Frau als Statistin für die Pathologie.

T: Sie arbeitet übrigens im Nebenberuf als Ohren-Double für Sebastian Kurz sowie als bezahlte Traurigdreinschauerin auf Begräbnissen.

Zypern

B: Stiefelkönigin in Schwarz mit Unkeuschheitsgürtel – oder ist das ist ein umgearbeiteter Kronleuchter?

T: Sie arbeitet hauptberuflich als Leiterin einer Domina-Akademie in Larnaka.

B: Früher hat sie als Haushaltshilfe gearbeitet.

Tamta

Niederlande

B: Der erinnert mich an Paenda, rein optisch  – sitzt allein auf der Bühne und irgendwas ist blau.

T: Er hat großen Hunger und singt davon, dass seine vegane Lieblingskäsekrainer ihn verlassen hat.

B: Dann fällt der Mond von der Decke, der dürfte eine schlechte Phase haben.

T: Alles ist sehr tragisch, sogar der Mond versucht, Suizid zu begehen.

Griechenland

T: Die Vertonung der südathenischen Bezirksmeisterschaften im Florettfechten für Reizwäschebesitzerinnen.

B: Die Griechin führt jetzt schon beinahe uneinholbar im inoffiziellen ESC-Königin-der-Nacht-Casting 2019 und kann nur noch von Australien überholt werden (weil es dort deutlich früher finster wird als in Griechenland).

Israel

T: Er weint angeblich immer nach dem Singen des Liedes, was jeder, der das Lied hören muss, gut nachvollziehen kann.

B: Erinnert mich zahn- und barttechnisch an Freddie Mercury.

T: Er hat einen beeindruckenden Schnurr- und Designerbart, der besser singt als er selbst, obwohl er gar nicht singt. Nein, nicht obwohl – deshalb.

B: Operette sich, wer kann!

T: Er hat bei den Operettenfestspielen in Mörbisch für die Rolle eines Kleiderständers vorgesungen, wurde aber abgelehnt.

Norwegen

T: Sind trotz Dauernebels und Graupelschauers in der Halle sowie ihres Liedes erstaunlich gut aufgelegt. Der eine Sänger hat Halsweh und singt darüber.

B: Der andere trägt eine Art Uniformjacke, mit der er locker im Parlament als österreichischer Innenminister in der Endphase durchgehen würde ... wäre er nicht so gut gelaunt und des Lächelns mächtig.

United Kingdom

T: Er hat sehr schwere Akne.

B: Du sollst Mobbingopfer nicht mobben. Du sollst Mobbingopfer nicht mobben. Du sollst Mobbingopfer nicht mobben.

T: Die Akne singt.

Island

B: Avengers meet A-ha. Mit Thor am Erschlagzeug.

T: Da steckt viel mehr dahinter: Die Spielgruppe des Zombie-Kindergartens von Reykjavik bringt die familienfreundliche Version eines satanistischen, sozialkritischen Protestdeathmetalsongs zu Gehör. Sie verstehen sich als antikapitalistische Gruppe und singen gegen die Auswüchse der modernen Konsumgesellschaft, gegen Umweltverschmutzung und gegen übermäßiges Nasenhaarwuchstum am nördlichen Polarkreis.

B: Was du da alles rausgehörst. Glaub ich dir nicht. Ich beantrage einen Gudenus für Isländisch.

ISRAEL-EUROVISION-ENTERTAINMENT-MUSIC

Estland

T: Der einzige Teilnehmer, der heuer die früher verpflichtende Pose des „Apfelpflückers“ ausführt. Dafür kriegt er einen Extrapunkt. Der wird ihm aber sofort wieder abgezogen, weil er währenddessen auch singt.

B: Donnerwetterblitzsingtderfalsch. Punkteabzug. Da hilft auch kein Telemark.

T: Er trägt eine überbreite Hose, was notwendig ist, weil ihm Herz und Stimmbänder in dieselbe gerutscht sind.

B: Ein akuter Herz-in-Hose-Vorfall! Kann nur operativ behoben werden. Wir berichten ab morgen live aus der Hose.

Weißrussland

B: Die nächste Stiefelkönigin, diesmal – patriotisch – in Weiß, mit Hang zur unfreiwilligen Tonverfehlung.

T: Gestiefelte Katerin mit Neigung zu Katzenmusik. Spielt mit den Tönen Katz‘ und Maus – die Töne gewinnen und können entkommen.

B: Ins Finale kamen die Stiefel, aber sicher nicht die Stimme.

Aserbaidschan

B: Der regt sich beim Singen viel zu sehr auf, während ihn zwei Roboter am offenen Herzen operieren. Verlässt dann raketenartig per Astralleib seinen Körper, fährt sich aber selbst wieder ein. Nahtodkino mit Textredundanzen: „Shut up! Shut up! Shut up!“ – Dem ist nichts hinzuzufügen.

T: Stimmt.

ISRAEL-EUROVISION-ENTERTAINMENT-MUSIC

Frankreich

B: Schau, Frankreichs Conchita!

T: Ist mir Wurst.

B: Das Lied heißt "Roi".

T: König der Nacht?

Italien

T: Trägt einen Wandteppich als Hemd und singt ein Lied darüber, dass er deswegen unglücklich ist. Zu Recht.

B: Trägt einen Ohrring als Haupt-Showact und singt ein Lied darüber, dass er keine Nervensäge ist. Zu Unrecht.

Serbien

B: Sie war schon 2013 da und ist damals im Semifinale rausgeflogen. Diesmal reichte es leider nicht fürs Ausscheiden im Semifinale.

T: Trägt eine aus uranummantelten Edelstahl-Vibratoren gefertigte Kette um den Hals.

B: Weil sie als Ferialpraktikantin im Foltermuseum von Kragujevac gejobbt hat. Beim gelungenen Ausbruchsversuch hat sie sich das Kleid bis zur Hüfte rauf zerrissen.

T: Sie ist die beste Schülerin der Zypriotin – du erinnerst dich: die von der Domina-Akademie.

Schweiz

T: Luca Hänni demonstriert den klassischen Karriereweg Richtung Untergang: DSDS – Let’s Dance – Song Contest. Als nächstes kommt Dschungelcamp. Luca trägt Dieter Bohlens Netz-Shirt von der ersten Modern-Talking-Tour und hat Thomas Anders‘ Nora-Ketterl leider vergessen.

B: Er lässt Bizeps und Trizeps tanzen, die vier Flugbegleiter hinter ihm wacheln händeringend mit, zeigen Notausgänge und die Handhabung der Gehörschutzwatte.

T: Die Flugbegleiter trainieren offenbar fürs Mile-High-Club-Casting in der Economy-Class-Toilette.

Australien

B: Schneewittchen geht als Freiheitsstatue.

T: Drei Damen schwanken auf drei Maibäumen im Wind, während im Hintergrund das Universum explodiert.

B: Musik von der Stange, drei Damen am Ständer.

T: Die zentrale Dame trägt ein Fonduebesteck anstelle einer Frisur auf dem Kopf.

B: Sie soll übrigens ihr letztes Album per Crowd-Funding finanziert haben – oder Graut-Funding?

T: Zum Frisur-Besteck passend vielleicht ein Kraut-Funding. Sie segelt im Wind – die Königin der Yacht?

B: Dürfen wir vorstellen: Australien, offizielle Gewinnerin des inoffiziellen ESC-Königin-der-Nacht-Castings 2019.

Spanien

T: Orlando Bloom, wiedergeboren als Tischtennis-Animateur eines Ferienclubs in Mahon.

B: Diese Spanier wirken so euphorisiert, als wir wären sie am Nachmittag einer Kundgebung am Wiener Ballhausplatz entlaufen.

Gastsuperstar Madonna

B: Sie taucht tatsächlich auf, gerüchteweise wurde der Auftritt von einer israelischen Oligarchennnichte bezahlt. Madonna trägt alle 26 bisher vorgeführten Kostüme übereinander. Und alle Frisuren. Damit dürfte sie hinter der Bühne versehentlich in die Spiegel des Russen gelaufen sein und sich selbst gesehen haben.

T: Was ihre extrem schlechte Laune am Beginn des Auftritts erklärt. Sie singt erstaunlich falsch, hätte also beste Chancen im Bewerb ...

B: ... oder im Königin-der-Nacht-Casting, darf wegen Überdominanz aber nur außer Konkurrenz teilnehmen.

Platz 1 für "Arcade"

B: Sieger Duncan Laurence aus den Niederlanden, der Mann mit dem Mond, sagt am Ende, was gesagt werden musste: "Die Musik kommt zuerst."

T: Eine angesichts dieses Abends schöne, aber gewagte Aussage.